Kirsch-chen – Tag 2


Ein wohliges Erwachen, in warmen, flauschigen, leicht nach Lavendel duftenden Kopfkissen, umarmt von einer Bettdecke, die mich wie eine fette Geliebte wärmte.

Wo bin ich?

Wo bin ich?

Ich wachte auf vom gedämpften Surren der Klimaanlage, blickte zweifelnd um mich und sah rechts von mir Chapon in seinem Bett, dahinter Monelle und Lilian. Sie schliefen noch, selig wie Kleinkinder in der Krippe, in ihren riesigen Betten. Das Hotelzimmer sah weniger glamourös aus im Morgenlicht als in der Nacht zuvor: braune, ornamentierte Tapeten, Wandlampen aus Milchglas in Blütenform, Spiegel von monströsen Holzrahmen umarmt – es sah ungefähr so aus, wie mans sich bei einer ´34 geborenen Wirtschaftswunder-Oma zuhause vorstellt.

Ich stand auf und stolperte schlaftrunken über den weichen, braunen Teppich ins Bad, wo mir das grelle Badezimmerlicht beinahe die Netzhaut verbrannte. Erst ein Schub kaltes Wasser vollbrachte das Wunder, mich wie ein Mensch aussehen zu lassen. Ich schnappte mir Hotelseife und Shampoo, stellte mich unter die mit goldenen Armaturen verzierte Dusche und freute mich wie ein Krebstumor in der Raucherlunge über das Anzünden einer neuen Zigarette über den Duschkopf mit fünf verschiedenen Wasserstrahleinstellungen.

Als ich mit spielen fertig war, und auch noch sauber, trocknete ich mich mit dem mit Weichspüler vergewaltigten Handtuch ab, zog mich an, schlich aus dem Bad, vorbei an der (braunen) Minibar und mit gehässiger Vorfreude zu den braunen, mir Blumenmotiven gespickten Gardinen. Ich riss die Fensterschleier auf und rief mit voller, vor Freude strotzender Stimme:

„GOOOOOOOD MOOOOOOOORRRNING VIIIIIEEEEETTNNAAAAAMM!“

Das mir entgegenschwallende Gegrunze war ein klares Zeichen dafür, dass meine Aufweckkünste und die grellen Sonnenstrahlen ihre Wirkung erfüllt hatten.

Während sich die drei Französchen fertig machten für einen langen Tag der Campingplatz- und Jobsuche, zog ich mich an und ging die engen, mit fettem Teppich belegten Stufen des Motels hinab zur Rezeption. Da es erst sieben Uhr morgens war, traf ich Gary den Nachtwächter wieder und quatschte ein bisschen mit ihm über Kirschfarmen und wo man am besten Jobs finden kann. Gary schrieb alles was er wusste auf die Rückseite unserer Karte von Orange und Umgebung und konnte mir sogar ein paar Telefonnummern geben. Die gute Gastfreund- und Hilfsbereitschaft der australischen Landbevölkerung gab mir Hoffnung. Nach drei Kippchen verabschiedeten wir uns dann und sollten uns nie wieder sehen. Wegwerffreunde nennt man das, hat mir mal jemand gesagt.

Als die Schlafmützen es schließlich geschafft hatten, sich aufzurappeln, setzten wir uns ins Auto und fuhren der Sonne entgegen, mit dem Ziel einen Campingplatz zu finden. Da es erst acht Uhr war, hatte das Büro des letzten Campingplatzes in Orange, auf dem ein paar Zeltplätze zu haben waren, noch nicht geöffnet und wir beschlossen nach Mount Mackanzie zu fahren, wo man laut Gary umsonst Zelten konnte. Da der beschwerliche Weg hinauf auf den Gipfel über Schotterpisten führte, hatte besonders Chapon, dessen $ 2.000 Kaution auf dem Spiel standen, etwas Bammel – laut Mietvertrag durften wir nicht weiter als 500 Meter in Nationalparks ohne asphaltierte Straßen fahren. Da ich aber am Steuer saß, gings Ruckzuck hinauf auf den Berg, „Koste es, was es wolle.“

Oben angekommen, genossen wir die schöne Aussicht, Chapon betete etwas nach Mekka, und wir bestaunten die äußerst schmucken Radio- und Fernsehmaste. Es geht nichts über wahre menschliche Meisterleistungen der Technik inmitten eines Nationalparks. Der Campingplatz hatte kein fließendes Wasser und es gab kein Licht, weshalb wir diese Option dann auch schnell verwarfen. Wir fuhren die einspurige, rote Schotterpiste wieder hinab und sahen zwei  Backpacker inmitten des Nichts herum wandern. Ich  hielt an und fragte sie, ob sie nen „Lift“ bräuchten – doch als Antwort kam mir nur ein französisch akzentuierter Verdacht von Englisch entgegen. Ich übergab völlig planlos an meine drei französischen Übersetzer, welche etwas mit den zwei verwirrt scheinenden Gestalten redeten. Als wir weiterfuhren, erfuhr ich, dass die wandernden Französchen wohl zuviel Nachschattengewächse geraucht hatten – was auch ihr seltsames Gebaren erklärte.

Dann, wieder zurück auf flachem Lande, begann endlich das eigentliche Abenteuer: Kirschenplantagen, wohin das Auge sah. Überall Reihen von grünen Bäumen, mal mit Netzen überhangen um die Vögel abzuhalten, mal voll praller Kirschen. Jobhunting war die neue Devise. Die erste Farm war von einem Farmer namens Danni, dessen Nachnamen ich nicht aussprechen kann, geschweige denn auf Papier bringen. Wir fuhren kurzer Hand auf die Farm und schickten unsere Meisterin der Frauenwaffenkunst Monelle zum „shed“ wo die Kirschen sortiert werden. Sie redete kurz mit den Besitzern und kam zurück mit den Worten: „Wir sollen heute Abend noch mal anrufen“. Immerhin, der erste Schritt war getan.

Es ging weiter, von Farm zu Farm, immer aufs Privateigentum von Bauern fahren, um nach Jobs zu betteln. Welch Wunder, dass keiner auf uns geschossen oder uns von seinem Hab und Gut vertrieben hat. In Brandenburg würde man wahrscheinlich verhaftet werden, wenn man einfach auf Bauernhöfe fährt, aber wir waren ja zum GLÜCK nicht in Brandenburg. Auf einigen Farmen wurde uns gesagt, dass es zu früh sei, zum Ernten, auf anderen, dass die Saison fast vorbei ist, auf wieder anderen, dass sie schon genügend „Picker“ haben. Im Laufe des Tages klapperten wir so um die 30 Farmen ab und hatten eine DinA4 Seite voll Namen, Nummern und Adressen – aber noch immer keinen Job.

Zufrieden, alles getan zu haben was in unserer Macht stand, fuhren wir zurück nach Orange und gönnten uns ein gesundes Pizza Hut ‚all you can eat’ für 15$ pro Nase. Bis dahin hatten wir alles andere getan, als Geld zu verdienen, sondern lediglich Geld zum Fenster rausgeschmissen. Um überhaupt erst auf den Trip fahren zu können, musste ich Mario um 350 $ anpumpen und konnte glücklicherweise mein verwaistes Zimmer „untervermieten“. Immernoch obdachlos fuhren wir dann erneut zum Campingplatz und trafen endlich jemanden in der Rezeption an.

Die erste Person die tatsächlich aus Orange kam (Gary kam weiter aus dem Westen) zeigte uns auch gleich wie unfreundlich und schlechtgelaunt australische Landeier seien könne. Die Rezeptionisten war mitte 30, blond, etwas wohlgeformt und hatte ein Gemüt wie ein deutscher Kleinkolonie-Lauben Besitzer, dem in die Essecke geschissen wurde. Wir bezahlten schnell die 90$ pro Woche pro Zelt und flüchteten aus dem schlechte Laune Tempel um sogleich die Zelte zu errichten.

Wenn man Sie denn Zelte nennen kann. Chapon und ich hatten erst nachdem wir das Auto von der Vermietung abgeholt hatten während einer Shoppingtour ein 30$ Zelt erstanden. Es stand in 5 Minuten, doch wurde uns schnell bewusst, dass es sehr kalt, feucht, und eng werden würde in diesem Lowbudget Verschnitt eines Zeltes. Immerhin stand unser Zelt, denn Lilians und Monelles Second Hand Zelt hatte selbst Schwierigkeiten, dies zu vollbringen. Nach etwas Kampf standen aber unsere zwei Missgeburten von Zelten und wir waren mit Abstand der armseligste Haufen auf dem gesamten Campingplatz – Inmitten von einer Hillbilly Familie im 9 Mann Zelt (7 Kleinkinder); einer Reihe von Backpackern in Campervans, ausgestattet mit allem, was ein Leben auf der Straße erfordert; und natürlich australischen Arbeitern und Urlaubern  in den Hütten und Wohnwagen, die ein echtes zuhause ersetzten.

Back to the roots also. Wir kochten dann unser erstes Gericht auf dem billig Gaskocher und benutzten das Abblendlicht unseres Toyota, als es zu dunkel zum gucken wurde. Gut organisiert waren wir also. Die zweite Nacht stand an, und uns schwante zum ersten Mal, wie kalt es werden kann in den Hügeln im Mid-Westen New South Wales, 250 km westlich von Sydney. Ein eisiger Wind wehte, mit der plötzlichen Dunkelheit kam ein eisiger, feuchter Wind, dunkle Wolken versperrten die Sicht auf die klaren und gut sichtbaren Sterne. Wir riefen bei der ersten Farm an, die wir ‚besucht’ hatten und Jenny, die Frau des Farmers, sagte uns, dass wir morgen früh um 5 anfangen könnten.

Was eine Samstagnacht also, für uns. Wir gingen um 9 Uhr ins Bett und ich fragte vorher noch schnell 2 deutsche Backpacker die auf der selben Farm arbeiteten, ob Sie uns im Morgen den Weg zeigen könnten. Dann schlich ich mich zu Chapon ins Zelt und bibberte mich in den Schlaf. Mir schauderte bereits vor dem Erwachen um 4 Uhr morgens. Ich wurde ausgewählt zum Kaffee kochen. ‚Gute Nacht, heile, langweilige Studentenwelt. Willkommen, anstrengende, chaotische Fruitpicker Zeiten’. Ich war angespannt. Angespannt und glücklich!

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Eine Antwort to “Kirsch-chen – Tag 2”

  1. fito Says:

    schön mal wieder was zu hören, hatte mir schon sorgen gemacht und war kurz davor anzurufen um ein lebenszeichen zu erhaschen…
    mmhhh ja…..die tigerente is echt zum heulen!!!mal gucken was noch kommt steuerfreiheit für großverdiener wär doch gut für die wirtschaft oder???
    schöne grüße aus roma

    pass uff alter

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