Roadtrip


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Das Surren meines Handys weckte mich unsanft aus meinem öden Tagtraum. Ich saß in einer der hinteren Sitzreihen des großen, viel zu kalten Vorlesungssaales und hörte halbherzig zu, wie der ansonsten gute Dozent uns die Rolle der afrikanischen Frau während der Kolonialisierung erläuterte. Feminismus, und das auf einen Montagmorgen. Ich seufzte und holte heimlich das Telefon aus der linken Hosentasche und las die SMS: „Yo Felix, wir haben noch einen Platz im Mietwagen! Bock auf Byron Bay? Freitag? Hector“. Eigentlich hatte ich mich auf eine langweilige Woche alleine zu Hause eingestellt da nahezu alle anderen Austauschstudenten die Ferien nutzen wollten, um herumzureisen. Wie frisch geschlüpfte Schildkröten würden sie die fremde Umgebung erkunden, zu ihnen noch unbekannten Gefilden vorstoßen, sich in alle Himmelsrichtungen verstreuen. Ich jedoch wollte mir einen unterbezahlten Job suchen und etwas Geld sparen – wofür auch immer. Vereinsamt, im für mich alleine viel zu großen Haus. In Sydney. Ich starrte auf den Bildschirm meines Telefons und verfiel erneut in einen Tagtraum.

Byron Bay. Ein kleiner Aussteigerort am östlichsten Zipfel Australiens, knappe 800 km nördlich von Sydney, sonnig und idyllisch, umgeben von unzähligen Macadamiaplantagen, die majestätischen Bäume in seltsam wirkenden, geraden Reihen angepflanzt. Drumherum Eukalyptus, Akazien und anderen nicht in Europa findbare Bäume, welche die hügelige Landschaft malerisch schön machen. In Byron selbst eine Mischung amerikanischer Vietnamkriegsgegner und anderer „Alternativer“, viele dort seit den 70ern gestrandet. Kunst und Kultur, Strand und Meer, Hippies und Freaks waren der angenehme Ausblick. Das letzte Mal als ich in Byron abstieg, war ich auf dem überhasteten Weg nach Sydney, am Ende meiner ersten Australienreise – alleine, melancholisch, den Abschied fühlend. Ich rief meinen mentalen Stadtplan auf, den ich von damals noch in Erinnerung hatte: Eine kleine, zweispurige Hauptstraße umsäumt von unzähligen Bars, Cafés und Shops, die bis zum Strand führt. In den kleinen Seitenstraßen Surfshops, Restaurants und Hostels; auf den Straßen eine seltsame Mischung aus Backpackern, reisenden Seniorengruppen und lokalen Hippies. Am Ende der Straße der weiße Sand des Strandes, türkisfarbenes Meer, der Leuchtturm auf Cape Byron, dem östlichsten Punkt des australischen Festlandes, grüne Hügel und kleine Berge verschwommen sichtbar am Horizont. Ich hörte die Musik der Hippies, die Trommeln, den Gesang, sah die Lagerfeuer am Strand vor mir, ließ mich in Gedanken von den Feuerspielern, die mich an den Hackeschen Markt erinnerten, hypnotisieren. Ein Kribbeln ging durch meinen Körper.

Etwas weiter im Inland liegt Nimbin, das Epizentrum australischer Hippiekultur, tagsüber Pilgerpunkt für Touristen und Dealer, nachts ein verschlafenes, abgeschottetes Nestchen inmitten der üppigen, ein wenig Irland gleichenden Landschaft. Beim Gedanken daran, in Byron Bay zu sein, konnte ich die Sonne förmlich auf meiner Haut spüren, den Duft der subtropischen Pflanzenwelt riechen und das Rauschen des Ozeans hören. Vorfreudig fühlte ich den Schaum der Wellen meine Zehen umspülen, den knirschenden Sand meine Fußsolen streicheln und die Zeit wie im Rauche vergehen. Obwohl ich damals nur drei Tage dort war, wäre ich gerne länger geblieben, unter all den Freaks, all der Sorglosigkeit. Die Unbeschwertheit dieses Örtchens ließ mich vor Freude erschauern, der Gedanke an ein paar Tage Auszeit dort erhellte meine von Sydney getrübte Stimmung.

Ich antwortete: „Hey Hector. Bin dabei!“, schloss mein Telefon, schob es zurück in meine Hosentasche und ließ die restlichen anderthalb Stunden Aufklärung über die Unterdrückung der Frau munter über mich ergehen.

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Wir fuhren in zwei Gruppen. Das erste Auto war schon am frühen Freitagnachmittag losgefahren, als Vorhut sozusagen. Von den neun Austauschstudenten mit denen ich unterwegs sein würde, kannte ich nur Hector, einen Engländer, alle anderen hatte ich entweder noch nie gesehen oder nur kurz und oberflächlich auf einer der zahlreichen „Flat-Partys“ kennengelernt. Ich wusste also nicht so recht, auf was ich mich da eingelassen hatte, zwischenmenschlich jedenfalls, machte mir aber auch keine großen Gedanken darüber. Alles was zählte war, dass ich Freitagabend von Bondi Beach aus den langen Weg nach Byron Bay antreten würde.

In einem Hyundai Getz Dreitürer!

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Als ich unser zukünftiges Reisegefährt das erste Mal sah, dachte ich an einen schlechten Witz, nicht jedoch daran, die nächsten 2 Tage in dieser smartähnlichen Reisschüssel eingequetscht zu sein. Zu fünft! Obwohl ich es für ein Ding der Unmöglichkeit hielt, schafften wir es, sämtliches Gepäck in die Miniaturausführung eines Kofferraums zu stopfen und diesen auch noch erfolgreich zu schließen. Zwar konnte unser designierter Fahrer Hector nun nicht mehr durch den Rückspiegel schauen, doch die erste schwierige Aufgabe des Trips war gemeistert.

Anstatt wie geplant um sieben aufzubrechen, verließen wir Sydney schließlich um neun (nach einigen Verzögerungen aufgrund vergessener Papiere). Im Auto machte ich mich mit meinen zwei unglücklichen Rückbankgenossen bekannt: Sebastien aus Paris und Krisztyna aus Schweden, letztere ursprünglich in Budapest geboren. Trotzdem Krisztyna unglaublich klein und schmächtig ist, war es eine ziemliche enge Angelegenheit auf der Rückbank unseres Stadtflitzers. Es herrschte eine Beinfreiheit wie auf einem Sklavenschiff, die Anschnallgurte verkörperten die Ketten, unser halb irisch halb holländischer Beifahrer Johan den hybriden Sklavenhändler.

Sebi und Katarina (wie wir Krisztyna schnell umtauften) fingen nach einer halben Stunde Fahrt an, sich wie zwei Kleinkinder in die Flicken zu kriegen. Jedes Mal wenn sie rumalberten und Krissi Sebi spielerisch haute, drohte dieser ihr damit, eine ins Gesicht zu pfeffern: „Hit me one more time and I will hit you back, in the FACE!“. Auch unser für Holland in der Nationalmannschaft spielendes Rugbymonster Johan ließ ab und zu seine Alphamännchen Aspirationen vom Beifahrersitz aus nach hinten dringen, und binnen anderthalb Stunden fing die Fahrt an Spaß zu machen. Ein fanatischer Surfer als Fahrer, ein dominanter Bully auf dem Beifahrersitz, ein Elite-Businessstudent aus Paris, eine Journalismusstudentin aus Schweden und ich auf der Rückbank. Ein bunter Mix, wie er im Buche steht.

Nachdem wir die leuchtende Harbour Bridge überquert hatten, ließen wir die grellen Lichter Sydneys hinter uns und folgten dem Pacific Highway gen Norden. Trotz aller kleineren Anspannungen und Unannehmlichkeiten, verlief die Fahrt recht friedlich und in ausgelassener Stimmung. Vielleicht auch deshalb, weil ich meine angeborene Gabe, in den unmöglichsten Situationen wie ein Baby zu schlafen, voll ausnutzte. Eingeklemmt zwischen einem Muskelprotz und zwei sich raufenden Sitznachbarn, halb stranguliert vom Anschnallgurt, den Schädel mit jedem Schlagloch gegen das Fenster schlagend, schlief ich selig wie ein Toter.

Als wir eine falsche Ausfahrt nahmen und in Newcastle strandeten, wachte ich auf. Ein sehr verschlafenes Nestchen. Nur die unzähligen Lichter der Schiffe, an der Küste darauf wartend ihre Ware abzuliefern und neu beladen zu werden, schienen etwas Leben in die Hafenstadt zu bringen. Wir geisterten etwas umher und erreichten schließlich die Strandpromenade, wo anscheinend ein „Pimp-My-Ride“ Schaulaufen stattfand. Getunte, aufgemotzte und grell lackierte Autos überall, Newcastleianer drumherum, mit großen, ungläubigen Augen unseren kleinen, silbernen, hoffnungslos überfüllten Hyundai Getz bestaunend. Wir fuhren durch dieses Getümmel geradewegs in eine Sackgasse und mussten deshalb wieder umkehren. Erneut ließen wir uns und unser Aufsehen erregendes Gefährt bestaunen. Nach dieser seltsamen Begegnung mit der arglosen australischen Kleinstadtbevölkerung setzten wir unsere Fahrt fort, immer dem Pacific Highway folgend.

Das Etappenziel war Port Macquarie, ein kleines Kaff weiter nördlich. Dort hatte die Vorhut bereits ein Zehnbettzimmer im einzigen Hostel gebucht und sich schlafen gelegt. Als wir schließlich um halb drei morgens in Port Macquarie ankamen, gönnten wir uns noch ein gesundes, genmanipuliertes McDonald’s Menü am Stadtrand (wobei „Stadt“rand wohl etwas übertrieben ist). Die Frau am Drive-In Schalter war etwas genervt als wir, da wir nicht genug kriegen konnten, das dritte Mal zu ihrem Fenster vorfuhren. Auf dem Parkplatz parkte dann neben uns ein völlig versiffter roter Kleinwagen mit drei jungen, besoffenen Landaustraliern. Mit einigen Problemen den doch sehr ausgeprägten australischen Akzent zu verstehen, unterhielten wir uns etwas und erfuhren, dass sie jemanden zum zusammenschlagen suchten. Einer der drei hatte einen modisch fragwürdigen Mix aus vergilbten UGG-boots,ugg boots blauer Riesenbrille und hautengem Roxyshirt an. Auf seinen Schuhen war noch etwas Blut erkennbar von jemand den sie angeblich früher am Abend vermöbelt hatten. Trotz ihrer seltsamen Ambitionen waren alle drei sehr nett und wir hatten unseren Spaß mit ihren Ansichten und Akzenten.

Wir waren dennoch froh, als wir den McDonald’s Parkplatz und unsere Landrowdies hinter uns ließen und nach einigem Suchen das Hostel fanden. Es hieß „Port Macquarie Backpackers“ und war ein Drecksloch vom feinsten. Froh endlich das fahrende Gefängnis verlassen zu können, betraten wir unser Zimmer wo ich auch endlich die fünf Insassen des anderen Autos kennenlernte: Remi und Maxim, zwei weitere Franzosen, Ilana und Valentina, zwei Chlieanerinnen, und Tamar, eine Kanadierin mit israelischen Wurzeln. Wir unterhielten uns eine Weile über alles Mögliche und als Johan nach minutenlangem Protest endlich still war, schliefen wir ein.

Der plumpe Hostelbesitzer Toni riss morgens um acht die Tür auf und raunte uns an, dass wir auschecken müssten. Ein guter Start in den Tag! Zum Frühstück gab es Toast und Tee und wir lernten zwei Däninnen kennen, die aufopferungsvoll ihre Milch mit uns teilten. Dann zahlten wir bei Toni, welcher nicht nur höchst unsympathisch, sondern auch humorlos war. Auf den Witz von Hector: „How do you call a man without shins? Toe-Knee (Toni)” antwortete er: “How do you call a dumb Englishman without humor? A dumb Englishman.” Keiner von uns trauerte Port Macquarie oder dem Hostel nach und wir machten uns frohen Mutes auf den Weg, “Up the coast, baby!“

Da der Tag noch jung war und wir telefonisch ein Hostel in Byron Bay reserviert hatten, konnten wir es uns leisten, unterwegs einige außerplanmäßige Stopps einzulegen. Die Sonne lachte und die frühe Stunde unseres Aufbruchs konnte unsere gute Stimmung nicht drücken. Als wir zur Abwechslung vom Highway einen „Tourist-Drive“ entlangfahren wollten, verfuhren wir uns und landeten in Crescent Heads, einem kleinen Ferienort an einem langen, bananenförmigen Strand, umgeben von grünen Hügeln. Ich trank einen viel zu sauren doppelten Espresso für 3,50 und ärgerte mich über die Beleidigung eines Croissants die ich zusammen mit dem Espresso erstanden hatte. Die Wellen waren ideal zum Surfen, nur war Hectors Surfbrett auf dem Dach des anderen Autos festgezurrt. Da unsere Handys keinen Empfang hatten, konnten wir das andere Auto nicht erreichen und Hector musste bekümmert zugucken, wie andere die idealen Wellen auskosteten.

Auf einer Klippe machten wir es uns dann gemütlich und trafen zufällig zwei andere Austauschstudenten, die mit einem Campervan und ihren zwei Surfbrettern unterwegs waren. Obwohl beide noch Anfänger in Sachen Surfen sind, haben sie sich hier Surfbretter gekauft und fahren jetzt gemeinsam die Küste hinauf, um ein paar gute Wellen zu erwischen. Abenteuer pur! Etwas neidisch schauten wir ihrem geräumigen Gefährt nach, als wir uns zurück in unseren Hyundai zwängten und uns auf den Weg machten, mit der anderen Hälfte unserer Reiseentourage aufzuschließen, die unterwegs wieder verloren gegangen war.

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Die kurvigen Straßen führten uns von der Küste immer tiefer in die ländliche Umgebung rund um den Pacific Highway. Ab und zu konnten wir einige Exemplare der australischen Tierwelt sehen – in Form von überfahrenen Kangaroos und Wombats am Straßenrand. Zurück auf dem Highway beschlossen wir zu den South West Rocks zu fahren um dort Mittag zu essen. Der Weg dorthin führte über eine weite Straße die uns – entlang eines breiten Flusses auf der linken und gewaltigen Kuh- und Schaffarmen auf der rechten Seite – immer näher an die Küste brachten. An einem Einkaufszentrum hielten wir an und versorgten uns mit allem nötigen für unser kleines Lunch: Schinken, Baguette – welches unseren französischen Begleiter nur traurig den Kopf schütteln ließ –, Käse, Weintrauben und Tomaten.

Am Geldautomat vorm Einkaufszentrum erfuhr ich dann auch, dass das Geld, was ich auf mein australisches Konto überwiesen hatte, immer noch nicht angekommen war und musste das erste Mal meine Kreditkarte benutzen. Herrlich, Geld zu verprassen, das einem (noch) nicht gehört. In South West Rocks angekommen machten wir es uns auf den rötlich-ocker-farbenen Klippen am Strand gemütlich und sahen den Wellen zu, wie sie die Felsen weiter draußen im Meer umspülten. Der billige Schinken glimmerte in der Sonne in Regenbogenfarben, wie eine frisch gefangene Forelle. Ob das nun für oder gegen den Schinken sprach war mir egal. Hauptsache ich hatte endlich wieder etwas im Magen, das nicht in Alufolie verschweißt war, zu 80% aus Zucker bestand und eine Zutatenliste solang wie das Strafgesetzbuch hatte.

Vergleichsweise grüner als Crescent Heads hatte South West Rocks noch einen Vorteil: Man konnte den Delfinen beim Surfen in den Wellen zuschauen. Dieses Schauspiel alleine schien es wert, all die Strapazen der Fahrt auf sich zu nehmen. Erst sah ich nur hin und wieder eine Rückenfinne nah an den Klippen aufblitzen und wieder verschwinden. Dann sah man immer mehr und immer häufiger die gebogenen Rücken der Meeressäuger, bis schließlich in einer sich hoch aufbäumenden Welle die Konturen von acht Delfinen sichtbar wurden. Wie Surfer, nur unter der Oberfläche, glitten sie mit der Welle dem Ufer entgegen und sprangen freudig aus dem Wasser als die Welle zu brechen drohte. Dann verschwanden sie ebenso schnell, wie sie gekommen waren, allerdings nicht, ohne bei mir ein wunderbar warmes, behagliches Gefühl zu hinterlassen, das den ganzen Weg bis nach Byron Bay anhalten sollte.

Als wir satt und selig waren, brachen wir wieder auf. Es war mittlerweile drei Uhr Nachmittags und die Vorhut war uns ca. 40min. voraus. Warum nur diese Eile, dachte ich mir, während sich die Gruppenpsyche stetig auszuprägen begann. Hector wurde langsam ungeduldig, weil er endlich surfen wollte; Johan wollte Autos tauschen, da wir ja alle den gleichen Preis zahlten; Krisztyna meckerte einfach mit. Nur Sebi, dessen zwei Freunde immerhin im anderen Auto saßen, und ich blieben still.

Wir trafen uns dann in Urunga und beschlossen dort, dass wir 20 km südlich nach Nambucca Heads fahren würden, also zurück. Da Hector doch einen wesentlich aggressiveren Fahrstil an den Tag legte als Remi im größeren, zweiten Auto, fuhren wir vorweg. Es macht doch einiges aus, ob man gewohnt ist, auf der falschen Seite zu fahren, oder ob nicht. In Nambucca Heads angelangt, einem Dorf mit sehr steilen, an San Francisco erinnernden breiten Straßen, hielten wir auf einem Parkplatz direkt am Strand. Hector und Remi machten ihre Boards startklar, zwängten sich in ihre Wetsuits und kämpften sich durch die wilden Wellen hinaus „to catch a few nice ones“. Der Surf war, wie Hector mir mitteilte, „Shit“, da der Wind aus der falschen Richtung kam. Dennoch schienen beide Spaß zu haben, im eiskalten Wasser.

Ich unterhielt mich ein wenig mit Tamar und Ilana und war irgendwie froh, in einem Auto mit 4 Jungs zu sein. Der Druck auf die beiden männlichen (oder „Half-male Frenchies“ wie Hector und Johan zu sagen pflegten) Insassen im Frauenauto war spürbar als es zur Diskussion um die Autos kam. Obwohl Remi redete, konnte man spüren, dass Valentina das Sagen hatte. Sie hatte schon während der Fahrt die Strippen gezogen, die Argumente für den spürbar aufkommenden Kampf festgelegt, das Netz gesponnen.

Während die zwei Gruppen aufeinanderprallten, sah ich am Hang der Klippen das unwirkliche Lichterspiel der Fireflies, die in Sekundenabständen in grünlichem Licht aufblitzten. Da es sehr schnell dunkel wurde, kam es mir zuerst vor, als ob ich ohnmächtig werden würde, bevor ich realisierte, dass kleine Insekten dieses Lichterspiel veranstalteten und nicht mein Kreislauf. Völlig fasziniert von diesem Wunder der Natur, nahm ich das Gezeter und die sich überschlagenden Stimmen der Kampfhähne und –hühner nur noch verschwommen wahr. Ich träumte, hypnotisiert von hunderten kleiner Insekten, die ihren Arsch aufblitzen lassen können. Ich versuchte, dem Geschehen näher zu kommen, doch zu meinem Verdruss hörten die Fireflies auf zu blinken, als ich zu nah kam. Es schien mir, als ob ich das Schauspiel nur aus der Ferne betrachten dürfte, sollte, da ansonsten sein Reiz verloren ging. Als ich mich umdrehte ging am Horizont über dem mittlerweile dunklen Meer der Mond auf, in einem unnatürlich scheinenden, rötlich-orangenem Farbton. Es war solch ein beruhigendes Licht, das diese Himmelsorange ausstrahlte, dass ich mich zum zweiten Mal an diesem Tag zutiefst wohl fühlte. Wohl und glücklich.

Der Kampf um die Autos wurde schließlich geklärt, die Gefangenen im Hyundai Getz, zu denen ja auch ich gehörte, mussten weniger zahlen. Anstatt froh darüber zu sein, dass der Krieg der Reisenden zu unseren Gunsten ausgegangen war, war es mir völlig gleichgültig. Mir schien diese nervenaufreibende menschliche Art so fehl am Platze, überflüssig und sinnlos, im Angesicht des Spiels der Natur, sowohl der winzigen Insekten als auch des riesigen Mondes. Die Menschen, gefangen in der Mitte, schienen reizlos und überflüssig. Mittelmäßig, irgendwie. Selbst wenn wir unsere Ärsche im Dunkeln aufblitzen lassen könnten, in grün oder gelb oder blau, blieben wir dennoch irgendwie fehl am Platze, mitten in der Schönheit der Natur. Ein Fremdkörper, der alles so ändert, dass es ihm passt und gefällt. Ein Parasit, der alles Schöne, das er in die Finger bekommt, das er kontrollieren kann, zerstört, verändert, der Schönheit beraubt. Menschen und Kontrolle. Es war gut zu spüren, dass wir nicht alles kontrollieren können, dass auch Menschen – und gerade Menschen – hilflos sind, im Angesicht der Natur. Verloren in der Weite, vergessen in der Wildnis.

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Die Gruppe im größeren Auto – die Konkurrenz wie es teilweise schien – war eindeutig unter Kontrolle der drei Rückbankladies. Das Ziel: So schnell wie möglich nach Byron Bay kommen, in ein wunder-wunder-wunderschönes Hostel einziehen und einen Tan kriegen. Das Motto des GETZ-Cracking Autos war: Der Weg ist das Ziel, Hauptsache ´n Bett und „let’s have fun“. Nach dem Gruppenduell auf Nambucca Heads blieb der Trip nun relativ friedlich – bis auf einige kleinere Zwiste und Meinungsverschiedenheiten zwischen Mr. Dominanz Johan und mir. Als wir die grundlegenden Variablen des sozialen Gefüges geklärt hatten, setzten wir unseren Weg auf dem Pacific Highway Richtung Byron Bay fort. Da es dunkel war, hielten wir nur noch zum Tanken und Pissen. Ich verfiel abermals in einen komatösen Autoschlaf.

Als ich wieder aus dem Fenster schaute, sah ich die Backpackerbar „Cheeky Monkeys“ und den riesigen Woolworths Supermarkt. Byron Bay! Wir fuhren die Hauptstraße entlang und bogen links über die Gleise ab zu unserem Hostel, das etwas außerhalb des Stadtzentrums (Dorfzentrum wäre passender) lag – direkt am Strand. Das Hostel hieß Belongil Beach Backpackers und nachdem der mental fette Nachtwächter uns eine Weile vollgequatscht hatte, gab er uns endlich die heißersehnten Zimmerschlüssel. Sein Name war Dave und er erzählte uns fortwährend, wie schön doch alle Frauen in seinem Hostel seien. Wir nannten ihn fortan Wave-Dave und ich fand ihn sehr sympathisch.

Dann holten wir unser bescheidenes Gepäck aus dem Auto und legten es im geräumigen Zimmer ab. Ich war froh ein unteres Bett zu erwischen, nicht etwa weil ich Angst hatte aus den oberen Betten zu fallen, sondern weil es leichter für mich ist, meine Brille zu verstauen (eingeklemmt im Lattenrost des Bettes über mir). Dann ging es in die Stadt um etwas Essbares zu finden. Da es Samstagnacht war, waren die Straßen überfüllt mit besoffenen Backpackern und genervten Locals. Wir fanden eine kleine Familienbäckerei und ich aß einen Curry-Chicken Pie (Pies sind kleine Teigdinger mit Fleisch drin, sehr gesund!). Ein Apple-Pie nach Mutterns Art lächelte uns verlockend aus der Vitrine an und, da er für 7,50 sehr günstig zu haben war, nahmen wir ihn mit. Mit diesem Kleinod der Backkunst bepackt fuhren wir zurück zum Hostel und Johan und Hector gingen schlafen. Obwohl ich etwas müde war, wollte ich mir den billigen Tütenwein („Goon“) den wir unterwegs erstanden hatten um keinen Preis entgehen lassen.

Ich fand mich wieder im Raum der Mädchen mit den drei Franzosen und wir spielten ein Drinking-Game, genannt „Kreis des Todes“. Nach anderthalb Stunden waren acht Liter übelst schmeckenden Goons vertilgt, ich war besoffen und reif für die Falle. ‚So endet also meine erste Nacht in Byron Bay’, dachte ich, kurz bevor ich der Traumwelt entgegenschwebte. Sie endete ungefähr genauso, wie damals meine letzte Nacht dort.

Um 7 Uhr wachte ich auf, da Hectors Wecker im Bett über mir klingelte. Er setzte sich auf, trank etwas Wasser, sprang vom Bett, ging duschen, schnappte sich sein Surfbrett und fuhr zum Strand. ‚Krank’ dachte ich mir, drehte mich um und schlief bis um 11. Als ich aufwachte war das Zimmer leer und die Sonne schien heiß durchs Fenster in mein Gesicht. Ich sprang unter die Dusche und ging – nur in Badehose – in die große Küche im Haupthaus des Hostels, vorbei am kleinen Innenhof mit den großen, schattenspendenden Palmen und dem mit Buddhastatuen und einem kleinen Wasserfall geschmückten Massageraum. Ich sah zwei Typen auf den Sofas in der Chilloutlounge fernsehen, schüttelte ungläubig den Kopf, ging an der Tischtennisplatte vorbei und die dunkle Holztreppe zur Küche empor. Auf dem Balkon rauchte ein Rasta einen dicken Joint und an einem der Herde kochte ein spindeldürrer, kalkweißer, komplett in schwarz gekleideter Mann mit schwarzem Turban Spaghetti. Sein Spazierstock war locker an die Wand neben ihm gelehnt. Mein Frühstück bestand aus Brot mit Erdnussbutter und Marmelade, zwei Eiern und einem Tee.

So gestärkt machte ich mich zum Strand auf. Unterwegs traf ich Maxim, der gerade von dort kam und fragte ihn, wo die anderen seien. Mit der vagen Wegbeschreibung „down the beach, on the right side“ schlenderte ich barfuss den langen, weißen Strand entlang und spürte endlich den Sand zwischen meinen Zehen. Der Sand war so fein, dass ich ihn unter mir knirschen hören konnte, die einzelnen Sandkörner aneinandergerieben durch meine schlürfende Schritte. Wie ein alter Mann schien der Sand unter dem Gewicht eines weiteren Menschen zu ächzen. Es war keine Wolke sichtbar am strahlend blauen Himmel, die leichte Brise vom Meer her kühlte meine von der Sonne erhitzte Haut und die riesigen Wellen schickten ab und zu einen erfrischenden Sprühregen herüber. Das schäumende Wasser schob sich kraftvoll über den weiten Strand und umspülte meine Füße als ob es mir den Boden unter ihnen rauben wollte. Ich genoss diesen Augenblick als ob ich noch nie den Ozean gesehen, noch nie das schäumenden Meer an meinen Großstadtfüßen gespürt hätte. Die Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Ozean schien mir weitaus befriedigender als die von Vater, Sohn und heiligem Geist.

Als ich den Rest der Gruppe gefunden hatte, setzte ich mich zu den Sonnenbadenden und las „Der kurze Brief zum langen Abschied“ von Peter Handke. Etwas später kamen Hector und Johan zum Strand, jeweils ein Surfbrett unterm Arm. Johan hatte sich ein langes rotes Brett vom Hostel ausgeliehen und beide stürzten sich zu Remi, der bereits eine Weile surfte, in die Wellen. Ich sah zu, wie sie sich durch die Brandung nah am Strand weiter nach draußen durchkämpften, entweder unter den Wellen durchtauchend oder darüber hinweg paddelnd. Weiter draußen warteten sie dann auf eine gute Welle, paddelten mit den Händen bis sie, im richtigen Augenblick, auf ihre Beine sprangen und mit der Welle dem Strand entgegen glitten. Johan mit seinem Riesenbrett – von Remi mit herrlich französischem Akzent auch „Looser Cruiser“ genannt – wurde öfters hart von den großen Wellen in die Mangel genommen.

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Bei Remi und Hector sah das Ganze dann schon wesentlich ästhetischer aus. Mit ihren grazilen Boards schienen sie fast spielerisch den Naturgewalten zu strotzen und surften elegant die Wellen entlang. Hector erwischte ein Barrel, den Tunnel den eine sehr kräftige Welle beim Brechen erschafft, und kam am anderen Ende wieder aus der Welle heraus. Etwas später versuchte dann auch ich mein Glück und hatte doch meine Probleme mit den für mich brutal scheinenden Wellen. Nach einigem Wasserschlucken und durch die Mangel genommen werden schaffte aber auch ich es, eine Miniwelle zu erwischen und stehend auf dem Brett zu surfen. Ein majestätisches Gefühl das leider viel zu kurz anhielt. Nach einer Weile waren mir die Wellen schließlich zu hart und ich beschloss mich zurück an den Strand zu legen. Dort merkte ich dann, dass ich, obwohl ich mich mit Hectors Surfersonnencreme (Schutzfaktor 35) eingeschmiert hatte, an der linken Schulter einen Sonnenbrand hatte. Man konnte deutlich sehen, wie meine cremigen Finger diese eine Stelle vergessen hatten. Es erinnerte etwas an ein knallrotes Batmanzeichen und ich war nicht ganz unglücklich darüber. Der Batman Soundtrack schlich sich in meine Ohren und ich musste Schmunzeln: der einsame Held, nur von einem Diener unterstützt, wie ein Ritter und sein Knappe.

Vollkommen eingesandet gings dann zurück zum Hostel und es gab gesundes Essen: japanische Nudeln, Grünzeugs und eine Zitronen-Ingwersauce. Mit vollem Magen und frisch geduscht ging es dann in die „Stadt“ um ein paar Bierchen zu genießen. Dort angekommen erhielt ich einen Anruf von Amelie, die tags zuvor mit Constant nach Byron gekommen war und in einem Zelt am Strand schlief. Ich traf beide dort und wir tranken ein paar Bier und genossen das Meer, den Mondschein und die Musik. Dann gingen wir in die Bar in der schon der Rest meiner Reisegruppe war und ich stellte alle einander vor. Wie ich später erfuhr, gehört diese Bar dem Darsteller von Crocodile Dundee, was vielleicht die exorbitanten Preise dort erklären könnte. Von den riesigen Panoramafenstern aus konnte man den Sternenhimmel sehen und dort wo der Himmel am Horizont dunkler wurde, auch das Meer erahnen. Als ich mich der ansonsten verwaisten Tanzfläche zuwandte, sah ich zwei Australier wild herum zappeln. Ihr Gehampel erinnerte mich etwas an zwei Autisten auf Crack, die versuchen ihre in Flammen stehenden Körper zu löschen. Als dieses äußerst amüsant anzusehende Schauspiel vorüber war, fuhren wir zurück zum Hostel und ich verlor einige Spiele Pingpong gegen Johan, der ein noch schlechterer Verlierer ist, als ich es bin. Etwas ausgepowert fiel ich in mein Bett und schlief augenblicklich ein.

Der Trip im Trip
Am nächsten Tag wollten wir dann mit dem Auto die Umgebung Byron Bays erkunden. Da Johan partout nicht nach Nimbin wollte, da es ein Junkie-Kaff sei, hatten wir eine längere Diskussion, die fast die gesamte Fahrt andauerte. Wir waren diesmal nur zu dritt im Hyundai unterwegs, was wesentlich angenehmer war als zu fünft darin eingequetscht zu sein. Auf dem Hinweg saß ich vorne und wir fuhren auf den Serpentinen die malerische Landschaft entlang. Die Straße wurde, je weiter wir ins Landesinnere vordrangen, immer enger, steiler und kurviger; die Vegetation üppiger und grüner. Als wir an einem Koalaschild vorbeifuhren, hielt ich vom Beifahrersitz aus Ausschau nach den Mentholjunkies in den Wipfeln der riesigen Eukalyptusbäume. Glücklich wie ich bin, konnte ich einen Koala beim Mittagessen erkennen und wir hielten mitten auf der kleinen Landstraße an. Als ich laut rief, drehte er sich gemächlich um, ohne dabei aufzuhören zu kauen. Ein lustiger Anblick, dieses fette Viech, behaglich essend, hoch oben in einer Baumkrone. Wir fuhren weiter bergauf auf einer einspurigen, von monströsen Schlaglöchern übersäten Schotterpiste Richtung Minyon Falls. Oben angekommen wollte Johan dann eine zwei Stunden Wanderung zum Fuße des Wasserfalls machen und ich ließ mich etwas widerstrebend dazu breitschlagen. Hintereinander wanderten wir den Weg entlang zwischen Bäumen, Palmen und Gebüsch hindurch. Als ein paar Zweige abseits des Weges knackten, blieben wir gespannt stehen und beobachteten eine ca. 1 Meter lange schwarze Eidechse gemächlich über den Weg schleichen. Wir setzten unseren Weg fort, über umgestürzte Bäume steigend, an steilen Abhängen entlang, von finsteren, pferdebremsenähnlichen „Marchflies“ zerbissen. Diese Viecher stechen einen nicht, sondern beißen ein 2mm großes Loch in die Haut und saugen dann genüsslich das Blut ihrer Opfer. Hässlich, nervend und schmerzhaft.

Da unsere Abenteuerlust noch nicht voll ausgeschöpft war, beschlossen wir fortan abseits des geebneten Wanderweges dem mit großen Steinen gefüllten Flussbett zum Wasserfall zu folgen. Da der Winter einer der trockensten seit langem war und Dürre herrscht, war der Fluss fast völlig ausgetrocknet. Nur ein kleiner Rinnsal floss ins Tal, ein paar kleiner „Plungepools“ füllend und an steilen Steinkanten hinab sickernd. Die Wandertour artete in eine Kletterpartie und dann in ein Wettklettern zwischen Johan und Hector aus. Da ich es lieber etwas gemächlicher angehe, wurde der Abstand zwischen den beiden Kontrahenten und mir immer größer. Aus der Ferne konnte ich beobachten, wie Johan ausrutschte und fast in ein kleines Wasserloch plumpste. Lachend schloss ich auf und schweißgebadet erreichten wir den Wasserfall, der wirklich nur eine 100 Meter hohe, plätschernde Felswand war. Das Wasserloch am Fuße des während der Regenzeit mächtigen Wasserfalls war gefüllt mit schwarzem Wasser und an den mächtigen Felsbrocken die aus der Felswand gebrochen waren konnte man die Gewalt des herabstürzenden Wassers erkennen. Am Ausguck am oberen Ende waren andere Touristen klein wie Ameisen erkennbar und wir riefen ihnen blöde Kommentare zu. Dann kämpften wir uns durchs Dickicht zurück zum Parkplatz. Plötzlich sprang Hector der an der Spitze unserer kleinen Kolonne ging schreiend auf und zeigte auf eine winzige, 20 cm lange Schlange. Wir lachten ihn herzhaft aus und gaben ihm den Spitznamen „Snakebite“.

Schweißgebadet und glücklich setzten wir uns ins Auto und machten uns auf den Weg Richtung Nimbin, immer entlang der engen Staubpiste. An einer Kurve kam uns ein großer, silberner Bus entgegen: „Jim’s Adventure Tours“ war auf den Seiten zu lesen. Als der Bus an uns vorüber fuhr, sahen wir Tamar und Ilana auf der Rückbank aus dem Fenster gucken und uns fröhlich zuwinken. Auch ich hatte bei meinem letzten Besuch in Byron diese Tour gemacht und dachte zurück an Jim, den Vietnamkriegsverweigerer, der diese Tour mehr zum Spaß als zum Geld verdienen veranstaltete. Es fing an zu dämmern und es wurde schnell stockfinster auf der kleinen Straße. Am Straßenrand hoppelten immer wieder Kangaroos entlang, nicht ahnend das Hunderte ihrer Artgenossen tot den Straßenrand säumten.

Nach einer Weile konnten wir dann das erste Mal unser Ziel sehen. Talabwärts fuhren wir den Lichtern Nimbins entgegen und hielten nur noch kurz vor der Stadt um zu tanken. Da es bereits dunkel war, waren keine Touristen mehr unterwegs und nur noch Locals bevölkerten die zentrale Straße und das einzige Pub: Hippies, Arbeiter, Farmer. So hatte ich Nimbin nicht in Erinnerung. Als ich das letzte Mal (tagsüber) dort war, wimmelten überall Touristen, von großen Reisebussen abgesetzt zum shoppen und staunen. Während man den Strip entlangtingelte, wurden einem fortwährend „Spacecakes“, Haschkekse und Grass angeboten. Jetzt allerdings war der Großteil der Geschäfte geschlossen, die Dealer hatten sich scheinbar in ihre Löcher verzogen und nur wir drei Touris zogen Aufmerksamkeit auf uns. In einem Ramschladen redeten wir kurz mit einer einen Joint rauchenden Verkäuferin und erkundigten uns nach einer Möglichkeit, etwas Gewürze in die Hände zu bekommen. „Sobald es dunkel wird, ziehen die Dealer ab. Wahrscheinlich werdet ihr kein Glück mehr haben, Jungs“, sagte sie uns, scheuchte uns aus ihrem Geschäft und verschloss die klapprige Tür.

Es fing an zu regnen. Erst nur ein paar Tröpfchen, doch dann schüttete es förmlich auf uns herab. Wir flüchteten in die einzige Pizzeria Nimbins und aßen dort zwei riesige Pizzas. Vor dem Fenster rettete sich ein dreibeiniger Hund unter die Markise. Humpelnd überquerte er die Straße und ließ sich schwerfällig auf den Bürgersteig plumpsen. Schwer atmend beobachtete er die grauen Straßen, den Regen in Fäden auf die parkenden Autos prasseln und die Betrunkenen vor dem Pub Zigaretten rauchen. Er schien auf eine seltsame Art glücklich zu sein, mit seinen drei Beinen, in seinem kleinen Reich. Genau wie Nimbin haftete dem Hund ein Hauch Seltsamkeit und doch bewundernswerter Andersartigkeit und Behaglichkeit an. Er schien nicht nur ein Teil Nimbins zu sein, sondern es auf eine ihm eigene Weise zu verkörpern. Auffällig, seltsam, einzigartig. Ein gutes Wappentier. Wir verließen die Pizzeria und auf dem Weg zum Auto sprach uns ein Dealer an. Ich folgte ihm in eine kleine Seitengasse und nach 2 Minuten stieg ich zu Hector und Johan ins Auto. Die Fahrt zurück nach Byron verlief unspektakulär, es war dunkel und regnete, die Luft war frisch und roch wie neu – eine angenehme und entspannende Fahrt.

Der andere Trip im Trip
Zurück in Byron aßen wir den Rest unseres süßen Apfelkuchens und ich duschte lange, erst heiß und dann eiskalt. Noch während ich mich anzog, fing ich an zu schwitzen. Es war schwül und heiß und obwohl es immer noch regnete und die Sonne längst untergegangen war, schien die Luft zu knistern. Leicht bekleidet setzte ich mich zu den anderen an einen der großen Holztische unter einem kleinen Pavillon in einem der Innenhöfe des Hostels. Es gab abermals Goon den ich diesmal glücklicherweise verschmähen konnte da ich unterwegs ein paar Bier gekauft hatte. Die Mädchen und Franzosen spielten wieder Drinkinggames, doch ich war nicht wirklich bei der Sache. Ich genoss den Abend und liebte das Schwitzen. Auch war ich etwas zu langsam um dem schnellen und verwirrenden Spiel folgen zu können. Irgendwie war es lächerlich, dort zu sitzen, anderen dabei zuzusehen, wie sie sich in Schüben darüber freuten, dass jemand verlor und trinken musste.

Nach einer Weile hörte ich auf so zu tun, als ob ich mitspielen würde und fing an mich zu langweilen und fehl am Platze zu fühlen. Da Hector und Johan auch in einer anderen Welt zu sein schienen, ging es ihnen ähnlich und wir beschlossen eine Runde Poker zu spielen, am Nachbartisch. Dort setzte sich dann ein Mädchen aus Wales zu uns an den Tisch und fragte ob sie mitspielen könne – in einer seltsam piepsigen und undeutlichen Stimme. Ich dachte mir zuerst nichts dabei und deutete ihr an, sich zu uns zu setzen – da wir jedoch bereits mitten im Spiel waren, sagten wir ihr, dass sie auf die nächste Runde warten müsse. Sie fragte uns erneut, ob sie denn mitspielen könne und ob wir ihre Freunde gesehen hätten. Ihre Art war sehr seltsam. Wie abwesend schaute sie ruckartig in die Runde, schien immer wieder in tiefe Gedanken zu fallen und schreckte dann wieder auf um mit glasigen Augen zusammenhangloses Zeug zu quatschen. Sie stellte immer wieder die gleichen Fragen und sagte uns, dass sie ihren Bruder vermisse. Mit ihren starren Augen schaute sie wie durch einen hindurch und antwortete auf jede Frage, die ich ihr stellte, entweder unverständlich oder mit einer Gegenfrage. Ich fing an zu kichern, konnte sie nicht mehr ernst nehmen. Von meiner Neugier getrieben fragte ich sie, ob sie auf Drogen sei, worauf sie mir etwas pissig antwortete: „No, but thank you“. ‚So besoffen kann niemand sein’, dachte ich mir und tippte auf Pilze oder LSD. Ihre Pupillen waren so groß wie ein 20 Cent Stück und ihr Geisteszustand glich dem einer Senilen. ‚Scheiße, vielleicht ist sie geistig behindert’ schoss es mir durch den Kopf und das heiße Kribbeln der Scham durchzog meine Magengegend. Was für ein Arschloch ich doch war.

Allerdings hatte ich noch nie jemand hilfsbedürftigen alleine durch australische Hostels tingeln sehen und ich verdrängte diese Idee schnell wieder. Es mussten wohl irgendwelche Drogen sein. Nachdem es mir langweilig mit der Verwirrten wurde und sie auch noch zu weinen anfing, ging ich zurück zu meinem Zimmer und zauberte mir eine Wundertüte. Als ich das Zimmer wieder verließ, sah ich auf der Bank die die aneinandergrenzenden Zimmer verbindet, unter dem gemeinsamen Dach der einzelnen Schlafbaracken, den Freund der Verrückten und fragte ihn, was sie denn genommen hätten. Auch er stritt ab, Drogen genommen zu haben. Nachdem ich ihm sagte, er solle sich um seine weinende Reisegefährtin kümmern, bevor sie etwas Dummes mache, zog er von dannen. Ich setzte mich auf die Bank neben einen Engländer namens Phil. Das Weiß seiner Augen war fast vollständig der roten Färbung geplatzter Äderchen gewichen. Er schlief im Zimmer nebenan und musste sich, genau wie ich, das Lachen verkneifen. Die Verrückte und ihr Freund waren das beste Entertainment seit langem. Nach ein paar Minuten kamen sie zurück, mit ihnen eine Kanadierin Mitte dreißig. Sie hieß Annabelle, kam aus einem kleinen Kaff nördlich von Montreal und packte, kaum dass sie sich zu uns gesetzt hatte, ihre Purpfeife aus. So langsam wurde mir die Runde sympathisch und ich genoss die Diskussion zwischen Annabelle und unserem Gesundheitsfreak Johan über Marijuhana. Alles was ihren Mund verlies klang seltsam zustimmenswert und gleichzeitig viel zu esoterisch. Als ich ihr meinen Spliff weiterreichte, fing sie an zu husten – ich hatte vergessen, dass Nordamerikaner Tabak verachten und nur „pur“ rauchen. Andere Kulturen, andere Sitten.

Annabelle fing an von ihrem Ehemann zu erzählen, der alleine auf dem Zimmer war und mit seiner PSP spielte. „Er ist das genaue Gegenteil von mir. Während ich gerne unter Menschen gehe und feiere, bleibt er lieber alleine für sich und spielt Computerspiele“ sagte sie und schien etwas enttäuscht und unglücklich zu sein. Sie erzählte mir weiter, wie er ihr am Abend in einer Bar Wasser aus seinem Glas ins Gesicht pfeffern wollte. ‚Eine unglückliche Ehefrau, herrlich’, dachte ich mir, hörte ihr etwas gleichgültig zu und fing an über das Leben zu philosophieren. Sie lachte viel und zog immer Mal wieder an ihrer Pfeife. Es war gut, wieder mit jemanden zu reden, der ähnliche Ansichten teilte und nicht wie Johan die volle Gesundheits- und Sportschiene abfuhr und alle anderen kritisierte. Allerdings wurde mir Annabelle auf Dauer doch etwas zu esoterisch und damit anstrengend.

Die süßliche Luft, die uns umgab, milderte dieses Gefühl allerdings und ich fand fast alles ertragbar. Je älter der Abend wurde, desto nebliger wird meine Erinnerung daran. So ziemlich das letzte woran ich mich, bevor ich mich von der illustren Gruppe absetzte, erinnern kann, ist wie Phil aus heiterem Himmel anfing zu prusten. Er zeigte auf die zwei verschiedenfarbigen Flipflops der verrückten Waliserin, die mir vorher schon aufgefallen waren und irgendwie zu ihrem Geisteszustand zu passen schienen. „Du hast einen Flipflop von mir, und einen Flipflop von meiner Freundin an“ sagte er mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Frohsinn. Ich fiel vor Lachen von der Bank und kringelte mich auf dem Boden. Nicht nur, dass sie ein Paar Flipflops von einem Zimmernachbarn „geborgt“ hatte (was durchaus Mal vorkommen kann), nein, sie hatte jeweils einen Flipflop von zwei verschiedenen, ihr fremden Menschen geklaut. Sie nuschelte etwas, dass sich wie eine Entschuldigung anhörte und gab die Flipflops zurück. Es stellte sich heraus, dass unsere zwei geistig verwirrten Waliser zwei Flaschen Rum getrunken hatten. Ich hätte nie gedacht, dass Alkohol solch verheerende Auswirkungen auf den Geisteszustand haben könnte obwohl ich schon einige seltsame Erlebnisse auf Berliner U-Bahnhöfen hatte.

Als Phil und Annabelle ins Bett gegangen waren, rauchte ich noch alleine, aber zufrieden, eine Zigarette. Jeder Zug ließ mich – obwohl Rauchen ja tödlich ist – spüren, dass ich lebe. Seit langem war ich völlig zufrieden mit der Welt und mit mir und genoss den Augenblick mit geschlossenen Augen.

Die Geräusche der Nacht und ein inneres Verlangen, an den Strand zu gehen, holten mich aus meinen Gedanken zurück. Wie ein Magnet ein Stück Blech zog mich der nächtliche Ozean magisch an. Ich stand auf und ging gemächlich, jeden Schritt auskostend, an der Küche vorbei über den Parkplatz zur Rezeption. Die vielen Katzen, die sich tagsüber auf den Stufen vor der Rezeption und dem Parkplatz tummelten und in der Sonne rekelten, waren zu dieser späten Stunde auf der Suche nach etwas zum Spielen und Töten. Sie jagten – lautlos, elegant, gnadenlos. Trotzdem oder gerade weil sich Katzen nie vollständig dem Menschen unterwerfen, nie vollends häuslich und treu werden, liebe ich diese Biester. Sie haben ihren eigenen Willen, lassen sich nicht alles gefallen und sind somit menschlicher als die meisten Tiere. Dickköpfig, nachtragend, stolz und egoistisch. Ihre grazilen Bewegungen, die immer an eine schwierige Choreographie erinnern (außer man versteckt sich hinter einer Tür und erschreckt sie), lassen sie würdevoll, dem Menschen überlegen erscheinen. Ihr blutrünstiger Jagdinstinkt würde einen erschauern lassen, wäre man nicht 20 Mal größer. Ihre Erhabenheit machte mich etwas neidisch. Leise, wie eine Katze, schlich ich die dunklen Wege entlang, das entfernte Tosen des Meeres mit jedem Schritt lauter werdend.

Auf dem kleinen Sandpfad der zum Strand führte musste ich zu meinem Bedauern mit ansehen, wie die verrückte Waliserin – in Begleitung ihres benebelten Freundes – hockend ihre Notdurft verrichtete. Ich grüßte mit einer Mischung aus Ekel und Belustigung und war froh, als ich ihre großen, ungläubigen Augen hinter mir gelassen hatte.

Endlich konnte ich mir die Schuhe ausziehen und den Pulversand unter meinen Füßen spüren. Ich schlenderte, wie der Mann in der Jeverwerbung, mit den Schuhen in den Händen den Strand entlang, die Arme weit von mir gestreckt – scheinbar für immer. Völlig alleine, nur begleitet vom ohrenbetäubenden Rauschen und Toben der Wellen. Ich kostete die Natur aus, lauschte der Energie des Meeres, bestaunte die Unendlichkeit des Sandes. Der grelle Vollmond ließ alles in einem fahlen, gedämpften Licht erscheinen. Die wilde Oberfläche des schwarzen Ozeans schimmerte silbern, der Strand leuchtete in einem seichten Grau. Die Sterne schienen wie blasse Brüder des Mondes im ultramarinblauen Himmel. Ich blieb, das Gesicht dem offenen Meer zugewandt, stehen und schloss erneut die Augen, den Kopf leicht gen Himmel geneigt, mein Gesicht von der Ozeanbrise gestreichelt. Ich atmete meine Umgebung, roch den Duft der Freiheit, spürte die Leichtigkeit des Seins. Mit jedem Atemzug füllte sich mein Körper mit Wohlbehagen. Die Ausläufer einer Welle umspülten sanft meine nackten Füße, zogen sich schleichend wieder zurück um eins mit den Wellen zu werden. Das zurückfließende Wasser ließ den feuchten Sand knistern. Ich strahlte. Vorfreudig wartete ich auf eine weitere Welle, die meine Füße liebkosen würde. Einmal noch kam die Brandung wie eine Zunge meinen Füßen nahe, gierig wartete ich auf die Sensation der bevorstehenden Umarmung, des Kusses. Etwa einen cm vor meinen Zehen stoppte das Wasser, versickerte prasselnd im Sand und strömte in einer schwellenden Bewegung zurück. Ich lächelte. So nah und doch so fern. Vollends glücklich ging ich zurück ins Hostel und fiel in mein Bett, ohne mir den Sand von den Füßen zu klopfen. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte dem fernen, behaglichen Rauschen des Meeres bevor ich langsam in einen sanften (trockenen) Traum entglitt.

Ich wachte früh auf, weil wir um 10 Uhr auschecken mussten um das Hostel zu wechseln. Nur um etwas anderes zu erleben, zogen wir für die letzte Nacht in die „Artsfactory“, einer Art Hippieherberge mit Hostel, Campingplatz, eigenem Restaurant und eigener Bar. Da alle außer Johan, Hector und mir Abends nach Brisbane weiterfahren wollten und beide Autos brauchten, nutzten wir den frühen Vormittag, um unsere Sachen noch mit dem Hyundai rüber in unsere neue Bleibe zu bringen. Wir checkten beim unfreundlichen Rezeptionisten ein und legten unsere Sachen im Zimmer ab. Wir waren zu dritt in einem Sechsbettzimmer, da das Hostel relativ leer war – relativ, da es im Vergleich zum vorherigen Hostel etwa dreimal so viele Besucher fassen konnte.

Dann fuhren wir in die „Stadt“ und setzten Johan vor einem Tauchladen ab, da er einen Tauchgang gebucht hatte. Hector und ich fuhren zu zweit weiter zum Fishermans Lookout etwa 3 min Fahrt entfernt vom Zentrum Byrons, wo eine gute Surfgelegenheit namens „The Pass“ war. Als ich Hector abgeladen hatte, hatte ich das Auto für mich alleine. Es machte Spaß, endlich wieder Auto zu fahren und glücklicherweise war unser Hyundai ein Schaltwagen. Ich tingelte etwas durch Byron und hielt an einem seven-eleven Supermarkt, um mir Tabak und Wasser zu kaufen. Da ich mein Buch vergessen hatte, fuhr ich zurück zum Hostel und nahm einen Umweg durch kleine Seitenstraßen. Auf dem Weg zurück zum Strand hielt ich an einem kleinen Strandcafé und trank einen doppelten Espresso, der Mal wieder eine viel zu teurere Beleidigung meiner Geschmacksnerven war. In einer mir unüblichen Anwandlung schrieb ich zwei Postkarten, die ich immer noch nicht abgeschickt habe, was wiederum typisch für mich ist. Ich zahlte bei der abwesenden Kellnerin und fuhr zum Strand, wo Hector immer noch surfte. Es mussten mittlerweile 5 Stunden sein, die er in den waghalsigen Wellen verbracht hatte.

Ich kletterte eine kleine Klippe empor und setzte mich um mein Buch zu lesen. Nach etwa einer Stunde kam Hector mit seinem Brett aus dem Wasser und, nachdem wir Johan wieder eingefangen hatten, fuhren wir zurück zum Hostel. Dort wartete schon der Rest der Reisegesellschaft aufs Auto. Wir beseitigten noch schnell die Spuren unserer Fahrt, mehrere Tüten Müll, und gingen in die Küche um etwas zu essen. Anders als im vorherigen Hostel glich die Küche hier einem attackierten Bienenstock. Überall wimmelte und wuselte es, das Klappern der Töpfe und die überlappenden Stimmen der Backpacker akkumulierten sich zu einem fast unerträglichen Getöse. Wir erfuhren, dass man für alles – Töpfe, Pfannen, Messer, Decken, Pappbecher etc. – extra bezahlen musste.

Während wir an einem Tisch auf der Veranda im ersten Stock aßen, beobachtete ich einen Typen im Whirlpool direkt neben dem großen Pool einen Joint rollen. Als wir satt waren, zogen wir uns unsere Badehosen an, schnappten uns die vom Vorabend übriggebliebenen Bier und setzten uns zu Alex, einem Deutschen, in den angenehm warmen Whirlpool.

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Es war etwas anstrengend darauf zu achten, immer eine Hand trocken zu halten, doch zum Glück hatte ich mein Handtuch mitgebracht. Nach einer Weile und ein paar kalten Bier, wurde mir dann doch recht warm und ich sprang direkt vom Whirlpool in den nur geringfügig kälteren, angrenzenden Pool. Ein herrliches Gefühl. Seltsamerweise wollte sich keine der vorbeilaufenden Backpackerin zu uns gesellen, vielleicht auch deshalb, weil von der geballten Manneskraft das Platzangebot sehr eingeschränkt war. Nach einer Weile zogen sich Alex und Hector zurück und nur ich und Johan blieben im heißen, dampfenden Wasser im Zentrum des Hostels zurück. Auf einmal fing Johan aus vollem Halse an ein katholisches Kirchenlied zu singen, sodass jeder im Hostel es hören konnte. Da ich recht zufrieden war, saß ich daneben, wippte mit meinem Kopf zum Takt und lachte.

Den restlichen Abend über spielten wir Pool und ich versuchte meinen Nimbinvorrat aufzubrauchen. Überall im und rund ums Hostel roch es nach süßlichem Rauch und jeder schien ein befriedigtes Schmunzeln auf den Lippen zu haben. Vom stummen Nachdenken alleine mit ´nem Jonny in einer Sessel-Hängematte an einem kleinen Teich wurde ich müde. Im Zimmer war es unangenehm kalt und ich schlief schlecht.

Ausgetrippt
Da wir am nächsten Tag zurück nach Sydney flogen, mussten wir erneut vor zehn auschecken, packten unser Gepäck in eines der Schließfächer und nahmen den Hostelbus zum Hauptstrand, den ich nun zum ersten Mal bei Tageslicht sah. Im Bus lernten wir zwei Mebournianierinnen kennen, Gen und Georgia, letztere nannten wir, warum auch immer, Suzanna. Wir verabredeten, uns später am Strand zu treffen und gingen dann männlich ein pinkfarbenes Eis essen. Ich widerstand der Versuchung eines Espressos, da ich mittlerweile gewohnt war, enttäuscht zu werden. Mit dem Eis bewaffnet gingen wir etwas shoppen und schließlich zum Strand, wo Hector sich sofort mit seinem Brett in die Wellen stürzte.

Nach einer Weile kamen die zwei Melbournianerinnen vorbei und setzten sich zu uns. Da ich etwas Angst hatte, dass meine Kräuter der Provence nicht durch die Quarantäne am Flughafen kommen würden, vernichtete ich meinen Vorrat vor dem Flug und war somit trotz der relativ frühen Stunde ziemlich phlegmatisch. Phlegmatisch und glücklich: die in Kokosnussöl getränkten Körper der Mädchen glänzten in der grellen Sonne sodass einem die Augen wehtaten. Trotzdem ich in einer Vierergruppe saß, war ich alleine und in mich gekehrt. Ich genoss die letzten Sonnenstrahlen, den Strand und das Nichtstun. Zum Glück war Johan äußerst gesprächig und ging direkt zur Sache: „When did you lose your virginity?“ war der gefühlt zweite Satz von ihm und er ließ sich die Entjungferungsgeschichten ausführlich erzählen. Einige Minuten später zwang er Gen, seinen Rücken und seine Brust einzucremen und stopfte ihre als Dank eine Handvoll Erdnüsse in den Mund.

Durch das viele Lachen verging die Zeit wie im Fluge und wir verpassten den Bus zum Hostel weshalb wir zurücklaufen mussten. Wir kamen gerade noch rechtzeitig an, um den Shuttlebus zum Flughafen zu erwischen. Der Bus war leer und wir setzten uns nach vorne zu unserem Busfahrer Rob, einem Engländer der nach einem Jahr Work & Travel einfach in Australien geblieben war und jetzt mit tasmanischer Frau und drei Kindern in einem Haus direkt am Strand wohnt. Seit 15 Jahren war er nicht mehr zuhause in England und war irgendwie beneidenswert glücklich. Busfahrer in Byron Bay – ein Job den auch ich mir vorstellen konnte.

Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir den Flughafen von Ballina, dem größeren Städtchen etwas südwestlich von Byron Bay. Der Flughafen glich mehr einer größeren Bushaltestelle. Wir betraten das Terminal durch eine der zwei automatischen Türen und gingen zum einzigen Check-In Schalter. Wieder verschmähte ich einen Espresso im einsamen, kleinen Flughafencafé und ging durch den Security Check zu unserem Gate: Gate 1. Mehr Gates gab es auch nicht.

Ein Flugzeug hielt sozusagen vor der Tür und entlud einen Schub Passagiere. Wie ein riesiges Denkmal stand der Airbus schräg vor der Glasfront des Flughafens, fast einer Götze gleichend. Die silberne Rückenfinne des Luftfisches funkelte aufmunternd in der Sonne; die Gepäckleute und Arbeiter hatten alle ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Ich verließ das kleinste Flughafengebäude das ich jemals betreten hatte und lief die knappen hundert Meter zur fahrbaren Treppe am hinteren Eingang der Statue eines Flugzeuges. „Jet-Star“ war auf den Seiten zu lesen, eine Billigfluggesellschaft.

Oben auf der Treppe angelangt, drehte ich mich noch einmal um, sah zurück auf Ballinas Miniflughafen und in Gedanken auf die 5 Tage, die hinter mir lagen. Ein Falke kreiste über dem verwilderten Grün neben der einsamen Start- und Landebahn. Scheinbar schwerelos schwebend drehte er seine einsamen Runden im strahlendblauen Himmel, ruhig wie ein König sein Reich betrachtend. Einzelne Federn an seinem Körper flatterten hin und wieder im Höhenwind, wie eine Erinnerung, dass der Greifvogel real war. Mit einem Mal stürzte er unaufhaltsam herab.
Byron Bay, es war eine schöne Zeit.

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9 Antworten to “Roadtrip”

  1. pepe Says:

    sorry für den langen text…

  2. pierced-guy Says:

    wieder sehr geil zu lesen 😀 kann ruhig immer soviel sein.hab ick ne ablenkung vom tollen alltag -.- . mehr bilder wären nice

  3. Blömop. Says:

    ich liebe es deine berichte zu lesen fefe. dein schreibstil ist echt toll. bin stolz auf dich großer bruder. und es klingt wirklich nach einer schönen zeit 😀

  4. mutz Says:

    ich danke für die ausführliche Reisebeschreibung.
    es ist immer wieder eine wonne deinen geistigen
    ausführungen zu folgen, soweit möglich!
    liebe dich

  5. guido Says:

    Hi, Fefe, Schnappa Bericht: „Ihr Gehampel erinnerte mich etwas an zwei Autisten auf Crack, die versuchen ihre in Flammen stehenden Körper zu löschen“, ha,ha,ha. Die alledings beste Stelle ist Dein kleiner Freudscher Schreibfehler:“….und die Zeit wie im RAUCHE vergehen,LOL! GUTER MANN!

  6. pepe Says:

    ob freud da wirklich seine Finger im Spiel hatte?!

    😉

  7. M&M Says:

    Hey Fefe,
    hat ne Weile gedauert aber jetzt hab ichs auch geschafft. Hat wirklich spaß gemacht deinen Bericht zu lesen. An einigen Stellen hatte ich echt das Gefühl mit dir zusammen zu sitzen, wie an schon so manchen „fröhlichen“ Abenden, und über deine Erlebnisse/Erkenntniss zu lachen/philosophieren.

    dicken Kuss, wa !!

  8. Tatsi Says:

    Du wirst immer besser!

    Hast Du eigentlich schon Wolf Creek gesehen!? 😉

    Kuss

  9. pepe Says:

    ja klar.
    hab danach gleich meinen rucksack gepackt und bin per Anhalter durchs Outback geheizt 😉

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