Glück im Unglück


bikeJetzt isses aus, dachte ich noch, bevor das Auto gefährlich nah vor mir mit quietschenden Reifen zum stehen kam, auf dem Asphalt einer der vielbefahrenen Straßen in der Nähe der Central Station, dem Verkehrsknotenpunkt Sydneys. Wieso ich mit meinem sexy Arsch auf einer Hauptstraße saß, um halb eins nachts? Nun ja, ich habe seit kurzem ein Fahrrad. Es war umsonst, es ist etwas rostig, nur die Vorderbremse funktioniert und der Sattel fühlt sich an als säße man auf einem Stein. Einem spitzen, kantigen Stein. Aber es fährt. Mit diesem mitgenommenen Drahtesel war ich also unterwegs, zusammen mit Mario und Elly, einer Australierin, und ihren Fahrrädern. Ich wusste noch nicht, auf was ich mich da eingelassen hatte – einfach Mal mitm Fahrrad inne Stadt zu fahren mag ja gut, einfach und lustig sein in Berlin oder Amsterdam; in Sydney allerdings hat man ein sehr, sehr schwereres Los als Fahrradfahrer. Denn Sydney ist bei weitem nicht die freundlichste Stadt für muskelbetriebene zweirädrige Fortbewegungsmittel. Fahrräder sind hier ein Fremdwort, ihr Auftauchen löst verwunderte Blicke aus und oft wird auch mit Fingern auf einen gezeigt: „Guck mal, watt issn ditte da?!“ Es gibt eigentlich nirgendwo im Stadtzentrum Fahrradwege und Autos hupen einen andauernd freundlich an wenn man denn aus Platzmangel mal auf der Straße fahren muss. Aufgrund übervölkerter Bürgersteige und Abstinenz eines Radwegs mussten auch wir drei Fahrradrowdies auf die Straße ausweichen um nach Hause zu gelangen. Als die Ampel an der wir warteten grün wurde, fuhren wir los, oder besser gesagt, Mario und ich folgten der todesmutigen Elly um eine Kurve – auf der Überholspur, im Schneckentempo. Als unserer australischen Anführerin bewusst wurde, dass wir auf die linke Spur der Hauptstraße wechseln mussten, folgten wir ihr, verloren im Autowahn und verrückten Linksverkehr der Gründungsmetropole Australiens. Doch, es kamen noch mehr Autos auf allen Spuren und aus allen Richtungen, in allen möglichen Größen, Geschwindigkeiten und mit einer metallenen Erbarmungslosigkeit, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. In der allgemeinen Konfusion der aufkommenden Todesangst chrashten Elly und ich. Sie fiel noch vor mir unsanft auf den Asphalt. Dort lagen / saßen wir also, ca. 20 Autos hinter uns, wartend, staunend, bewegungs- und geräuschlos. Es war ein erhabener, idyllischer, ja, irgendwie ein harmonischer Moment: Zwei Menschen stoppen die Maschinerie der Monotonie mit ihrer bloßen Präsenz auf einer sogenannten Ader des Lebens. Der Alltag kam für einen kurzen Moment zum Stillstand, das Bewusstsein, nahe am Tod vorbeigeschrammt zu sein, ließ alles wie in einem verschwommenen, unklaren Traum erscheinen. Ich vergewisserte mich rasch, ob Elly ok war (sie blutete n bisschen am Schienbein) und fing an zu lachen. Lustig, dem Tod ’nen Schnippchen zu schlagen, dacht ick mir. Wir rappelten uns auf und fuhren fortan auf dem Bürgersteig. Das Adrenalin puckerte noch eine Weile in unseren Adern und machte die anstrengende Bergetappe nach Hause etwas angenehmer, die kühle Sydneyaner Luft etwas ertragbarer. Die Geschehnisse später überdenkend musste ich zwangsläufig an meine erste „Begegnung“ mit Cataria denken, da ich auch Elly an diesem Tag erst kennengelernt hatte. Ist zwar ein Unterschied, ob man jemanden beim ersten Kennenlernen ins Gesicht schlägt oder „nur“ durch einen Fahrradcrash zum Bluten bringt, doch ich war doch etwas peinlich berührt (bemerke: „Etwas“!).

SantasLittleHelper1

Vor der aufreibenden Erfahrung des Nahezu Todes waren wir auf einer Hunderennbahn um – genau – Hunden beim rennen zuzuschauen. Ziemlich lustig, wie die Windhunde (Greyhounds) in kleine Startboxen gezwängt werden, ein kleines, falsches Kaninchen automatisch die Bahn entlangrattert und die Köter hechelnd versuchen, dit Karnickel einzuholen – was sie übrigens nie schaffen und auch nicht sollen. Hat mich irgendwie an das Leben erinnert: andauernd rennt man imaginären Träumereien hinterher, vorfreudig hoffend, sie zu verwirklichen und schlussendlich hat man gar keine Chance und sitzt hechelnd und ungläubig auf seinem Arsch wieder in der Realität angelangt. In Spanien, hat mir Mario erzählt, wird noch die männliche Variante gespielt: mit echtem Kaninchen und keinem Entkommen!

Wie auch immer. Hunderennen und vor allem Wetten war angesagt! Herrlich, sein hart verdientes Geld Bafög unsinnig zu verbraten! Die ersten zwei Rennen habe ich jeweils 4 Dollar (jaja, schwach, ich weiß) auf die Favoriten gesetzt, welche auch beide Male gewannen. Mein Reingewinn war jeweils ca. 12 Dollar, also 24 $ alles zusammen. Super dachte ich, aber da geht mehr. Also habe ich dit nächste Rennen auf einen Underdog (im wahrsten Sinne des Wortes) gesetzt. Wäre die verflohte Töle nich als letzter sondern als erster über die Ziellinie gerannt hätte ich aus meinen zwei Dollar Einsatz 70 Dollar gemacht, da die Quote bei 1-35 lag. Gut, jeder muss Mal einen Rückschlag verkraften. Das letzte Rennen habe ich dann auf einen Hund mit dem vielversprechenden Namen „Big Bubba Dudley“ gesetzt, unglaubliche 5 Dollar. Da Big Bubba kein Favorit war und die Quote bei 1:12 stand, also 60 Dollar Gewinn für mich in Aussicht standen, war ich etwas angespannt und musste mir – um mich etwas zu beruhigen – ein Bier kaufen.

Dann erklangen die Fanfaren, die Wettschalter wurden geschlossen, der Showlauf der Hundegladiatoren und ihrer Trainer begann. Dort war er, schwarz glänzend wie ein Skarabäus in einem Haufen Kamelkacke; schön wie eine dicke Blonde Frau auf einer karibischen Insel; elegant wie ein Rollstuhlfahrer auf einer Schlittschuhbahn: Big Bubba Dudley, in einem schwarz-weiß gestreiften Leibchen mit der Nummer 2. Alleine sein Name lies meine Männlichkeit vor Freude beben und zittern, seine bloße Präsenz stimmte mich siegesgewiss, seine anmutige Gehart bestätigte meinen Wetteinsatz. An diesem domestizierten Nachfahren des Wolfes hing also mein weiterer Abend: entweder alles verlieren und geschlagen und frustriert den nach Hause Weg in Angriff nehmen, oder alles gewinnen und viel zu viel überteuertes, gegärtes Hopfengetränk in irischen Bars genießen. Nach einer Ewigkeit Schaulaufens, endlich, wurden die Hunde von ihren Trainern in die Startboxen gepresst und die Anspannung stieg. Das gespannte Warten auf den Start, von dem alles abhing bei diesem edlen „Sport“, das Hoffen darauf, dass „mein“ Hund gewinnt, das Ersehnen des Elixier des Lebens das einem im Falle eines Sieges ausgezahlt wird, all das machten den Reiz des Moments aus. Dann erklang das Rattern und Quietschen des mechanischen Karnickels und das Surren des Laufbandes, an dem die gefälschte Beute den Hunden den Sabber in den Mund trieb, wurde unüberhörbar. Surrend, wackelnd und flink huschte der Köder an den Startboxen vorbei.

BAMM!

Mit einem lauten metallischen Knall öffneten sich die Boxen der Hunde, welche sofort röchelnd dem surrenden Etwas hinterherhechelten. Der Kampf um die beste Startposition hatte begonnen, der Moment da sich die Spreu vom Weizen trennt. Mit der Startnummer 2 hatte Big Bubba eine Box nahe der Innenbahn erwischt, welche ihm beim Start Vorteile verschaffte. Mit einem Kraftakt schob er sich an seinen sieben Konkurrenten vorbei und zwang sich an die Spitze des Rennens. Er zog vorbei an „Mon Amour“ und „Take the Kitty“, den beiden Favoriten, und behauptete die Spitze. Sein Vorsprung weitete sich mit jedem gerannten Meter aus, ich konnte es nicht glauben. Ich schrie und jubelte und brüllte: „RUUUUUUNN, Bubba; RRRUUUUUUNN!“ Die Hälfte des Kurses lag bereits hinter den Hunden, Bubbas Vorsprung hatte sich auf drei Hundelängen ausgebaut. Doch, nein, Nummer 6 holte auf. Gekleidet in ein grünes Leibchen schloss dieser hässliche Mistköter langsam auf und näherte sich meiner Skulptur eines Hundes. „Beiß ihn Bubba!“ rief ich noch, und „Renn, REEEEEEENNNN!!“ Bubba lief schneller und schneller, konnte wieder etwas Abstand zwischen sich und seinen hartnäckigen Verfolger bringen, lies mich den zarten Duft des Sieges schnuppern. Doch, nachdem die letzte Kurve der Rennbahn in die Schlussgerade überging, holte die teuflische Nummer sechs wieder auf. Bubba führte noch mit einer Hundelänge Vorsprung, die letzten 10 Meter der Rennstrecke lagen vor dem verbissen kämpfenden Hundepärchen, kämpfend um das Kaninchen, mein Glück oder Unglück unbewusst in Händen. Ich konnte es nicht glauben, aber Bubba lag immer noch vorne, er war im Inbegriff des Sieges, er hatte es beinahe geschafft, er lag vorne, ER WIRD GEWINNEN…

Dann machte Bubba etwas, was ich ihm nie vergessen werde: er strauchelte, er wankte, er FIEL! So kurz vor dem ersehnten Ziel fiel er hin, überschlug sich, seine ganze Anmut, seine ganze Aura der Dominanz, seine Gewinnerausstrahlung, alles verblasste mit einem brutalen Ruck. Nummer Sechs hatte das Rennen gewonnen. Bubba hatte verloren, jämmerlich versagt, als zweiter über die Ziellinie gestrauchelt, gefallen, gefangen in einer braunen Wolke aus Staub. Besiegt und schmutzig stand er da, schaute mit seinem ach so lieben Hundeblick, suchte nach Anerkennung und Zuneigung, suchte nach dem Kaninchen, suchte nach einem Sinn! Du hast verloren, Bubba! Du hast verloren!

Auch ich hatte verloren, war aber trotzdem glücklich. Mein Hund ist hingefallen, auf der Zielgeraden, hat sich lächerlich gemacht, hat der Meute der besoffenen Wettsüchtigen ein schadenfrohes Lächeln aufs Gesicht gezaubert oder eine Trauerträne des Verlusts aus dem Auge gezwungen – wie auch immer, er hat wahre Emotionen erzeugt. Ich hätte gerne mit Bubba etwas Chappi gefuttert, zur Feier des Tages und dem erinnerungswürdigsten Augenblick des abends. Ach, Bubba, wie schade, dass ich dich nicht näher kennenlernen konnte, wie schade, dass du mir einen Geldsegen verwehrt hast. Zum Glück hatte einer der Iren mit denen wir dort waren auf Nummer 6 gesetzt, „Smooth Character“. Was ein lächerlicher Name im Vergleich zu Big Bubba, und doch ein guter Name. Ein Gewinnername. In dem Irish Pub das wir zum Abschluss des Abends aufsuchten und in dem uns der Ire mit Unmengen an Guinness beglückte, wurde mir dann klar, wie wahr gute alte Sprichwörter sein können.

„Wie gewonnen, so zerronnen.“

P

simpsons-dog

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2 Antworten to “Glück im Unglück”

  1. M&M Says:

    vielleicht kannste Bubba ja adoptieren..er würde sonst warscheinlich eh ausgesetzt oder ertränkt…. wusste übrigens gar nicht das de Cataria blutig geschlagen hast… lol

    ME

  2. pepe Says:

    bubba war wahrscheinlich nur n onehit-wonder (und noch nich mal das!)
    UND, cataria hat nich geblutet, sie fands nur gemein… aber, wie man sieht, mittlerweile bringe ich unbekannte schon zum bluten!
    es gibt immer eine steigerung!

    cooles kuerzel, uebrigens

    ICH

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