Der Tag der Einsamkeit


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Auf einmal war sie da, die Traurigkeit, die Melancholie. Wie aus dem nichts hatte sie mich überrumpelt, überwältigt, über mich hergemacht. Ohne Vorankündigung – plötzlich, unausweichlich und herzlos!

Dabei begann der tag so gut.

Um zwei Uhr „morgens“ weckte mich Mario, völlig verprimt von Freitagnacht, mit roten Augen in seinem roten Pyjama – ich hatte mal wieder meinen Wecker „überhört“. Nach ein wenig brecht Lektüre im bett hab ich mich dann aufgerappelt und zu Mario inn’ garten gesetzt, zum frühstücken. Die sonne schien, die Vögel zwitscherten und im Hintergrund war das klackern von Pferdehufen auf Asphalt zu hören. Irgendwie mag ich es eine Pferderennbahn als Nachbar zu haben. Das Schnauben, der Geruch und alleine die Präsenz dieser Viecher hat irgendwas beruhigendes, ja fast heimisches. Wohlfühl Tiere! Warm und mächtig, beschützend und doch unberechenbar, vertraut und mystisch.

Den tag über haben wir kollektiv gechillt und ich war vorsätzlich extrem unproduktiv. Der Essay und die Präsentation die ich für die uni machen muss, habe ich gekonnt ausgeblendet, die arbeit dafür wie üblich aufgeschoben. Später kam dann Lukes freund aschisch (oder ashish) in seinem 35.000 $ Subaru vorbei und hat ne Flasche Hennessy mitgebracht. Außerdem kann er Kräuter der Provence besorgen, der gute Aschisch (geiler Name – musste gleich an den Spruch denken: „haste ’aschisch inne Taschen, haste imma wat zu naschen!“)

Wie gesagt, der tag fing gut, ja, er fing sogar sehr gut an!

Nachdem wir gegessen und getrunken hatten kamen noch ein paar verrückte Spanier vorbei und wir sind zu siebt im maxi-taxi nach Kings Cross in einen Club namens „SOHO“ gefahren. Mal wieder n schickie-mickie schuppen. Da ne Freundin von aschisch krasse connection hat sind wir, anstatt 20$ eintritt zu zahlen, umsonst eingelassen worden.

VIP joooooooo!

Der erste Eindruck war gemischter natur. Schlipse und Kragen, Lackschuhe und Lackfrisuren überall, r’n’b und elektro auf den Floors, Getränke zu preisen die selbst das Felix alt aussehen lassen; der einzige Wermutstropfen schienen die Weibchen zu sein, jedenfalls auf den ersten blick: wohin das Auge sah, knappe Kleider, die Frau von der Leyen wahrscheinlich mit einem Kinderpornographie Stoppschild versehen hätte und Highheels, die selbst mir als Zuschauer schmerzen in die Fersen und ein schadenfrohes Schmunzeln auf die Lippen trieben.

Nach ein paar stunden, einigen Drinks, ein bisschen Smalltalk hier und da, n paar Kippchen im Raucherraum, n bisschen rumjedänze, überfiel mich dann sehr spontan und überwältigend eine so tiefe Traurigkeit, dass ich nicht so recht wusste wie mir geschah. Nicht etwa die mir eigene „scheiß auf schickie-mickie Attitüde“, sondern etwas anderes, tieferes, mein innerstes nahezu zerreißendes durchdrang meine Gedanken und meine Stimmung. Ich war allein, inmitten der leicht angezogenen Mädchen, zugeknoteten schlipsträger und der Menschen die mir hier lieb sind.

Wie ein Universum das sich um mich herum dreht, nahm ich all das wahr, verschwommen und unbegreiflich, nah und zugleich weit entfernt von mir, von meiner selbst. Die Musik zerrann zu einem unwirklichen Getöse, das belanglose Gerede des Samstag abends drohte mich zu erdrücken, der Geschmack des Alkohols mich zu erwürgen, die schweißige, von menschlichem Gestank durchzogene Luft mich zu ersticken.

Ein tief sitzender Ekel durchzog mich.

Ich hasste es.

Hasste die Welt, die Menschen, hasste mich.

Wie ein Fremdkörper kam ich mir vor im blut der betonten Heiterkeit, der Freude am saufen, des Kampfes um einen schnellen Fick.

Ich war hilflos, machtlos. Ohne Vorwarnung übermannt von dieser tief in mir schlummernden Stimmung, die ich weder zu begreifen noch zu bekämpfen imstande war.

Hilflos mir selbst gegenüber, versuchte ich den Frust wegzutanzen und im Suff zu ersaufen, versuchte mit Geschwafel von den mich so bewegenden dingen, vom Kampf in mir abzulenken und den Abend zu genießen. Ich zwang mir ein lächeln auf, denn selbst hier wird mir die Heiterkeit, und Freude am leben, die Leichtigkeit mit der Welt umzugehen, der Humor und die Ironie am Dasein als Charaktereigenschaft zugeschrieben. Sobald ich diese Erwartungen an mich nicht erfülle, fangen Menschen an zu fragen, was denn mit mir los sei, warum ich so traurig sei, so ernst.

Ernst!

Woher der Anflug von Sentimentalität und Melancholie, von Selbstzweifel und –hass auch immer kam, er blieb an mir haften, durchzog mich vollends und ließ sich nicht abschütteln.

Je mehr ich dagegen ankämpfte, desto tiefer zog es mich in seinen sog.

Die vorher bewunderten Fetzenträgerinnen verloren ihren reiz, ihr gestelzter gang auf den Ficktöppen brachte mich nah daran, die klebrige bar vollzukotzen. die Ekstase der Musik und der sexuellen reize, des ausgelassenen Vergessens des alltags, alles ging an mir vorüber, verwandelte sich in ein schreckliches, überwältigendes Gefühlsgemisch von Trauer, hass, Wut, Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Was zum Teufel hatte ich in diesem Suchttempel zu suchen? Was hatte ich in Sydney zu suchen? Was hatte ich auf der verfickten Welt zu suchen? Was suchte ich überhaupt?! Egal was es war, ich fand es nicht.

Kurz bevor mich das elend des Abends, das elend meiner selbst erdrückte, dachte ich daran, das zu tun, was ich immer in scheinbar nicht zu bewältigenden Situationen tue. Wegrennen, flüchten, aus dem Dreck der Oberflächlichkeit in den Abgrund meiner Gedanken fliehen. Ich sehnte mich danach, alleine zu sein, obwohl mir nichts mehr angst machte, als Einsamkeit. Der gezwungenen Freude am feiern konnte ich nichts abgewinnen, das geifern nach Titten und die Freude am gesellig sein erschienen mir unausstehlich. Ich hasste es. Hasste das Menschsein. Hasste das Leben selbst.

Hasste mich!

Wie ein Staubkorn im Wirbel des Windzugs eines geöffneten Fensters trieb ich aus diesem unwirklichen ort davon, in die weiten meiner destruktiven Gedanken. Und doch war ich zugleich gefangen in den weiten der Freuden. Gefangen im roten Käfig der Samstagnacht, der Reizüberflutung und Oberflächlichkeit, des Lärmes und Gestankes.

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Diese Abneigung gegen den Abend, gegen das saufen und feiern und tanzen und froh sein und Scheiße labern und saufen und nach Titten geifern und gut aussehn und tanzen und…. Kurz, die gesamte Belanglosigkeit des wochenendlichen, unendlichen, sich ewig wiederholenden Spiels des öffentlichen Zurschaustellens von Körpern und Kleidung und neuen Dänzmoves kotzte mich so sehr an, dass ich am liebsten tatsächlich gekotzt hätte. Doch ich war nicht nur fehl am platze, angewidert von den nichtsahnenden feierwütigen, ich war von mir selbst weggerückt, hatte mich in Selbstmitleid, hass, und Trauer verloren und wusste keinen Ausweg. Ich fühlte mich eingeengt, eingesperrt, hilflos – mein Körper fühlte sich an wie ein Käfig, ein viel zu kleiner Käfig, und, wäre ich nicht gefangen in ihm, ich hätte ihn verlassen, abgestreift, weggeschmissen, vergessen und vernichtet. Als überflüssig wegrationiert.

Ich fühlte mich überflüssig.

Ich war überflüssig!

Überflüssig wie ein abgestorbenes Blatt an einem wachsenden Baum. Wie solch ein einsames, braunes, verfaultes Blatt, unbeachtet von seiner Umwelt, zerfressen von Parasiten, vergessen und tot lag ich in dieser mir mehr und mehr zuwider werdenden Welt, lag im Rinnstein der Strasse des Lebens, auf einen erlösenden Windzug hoffend, der mich wegtragen würde, von meinem elend. Einem Windzug, der mein elend beenden würde, mich beenden würde. Doch dieser ersehnte windzug kam nicht, er blieb genauso aus wie ein erhellendes Fünkchen Hoffnung das mein verkrüppeltes seelchen wieder aufpäppeln hätte können.

Gefangen im Käfig des Menschseins, des Lebens, drehte sich die ganze Welt um mich, flüsterte mir erniedrigende Floskeln zu, ermunterte mich zum froh sein, zum frei sein. Frei – in einem Käfig?

Es war nicht mehr auszuhalten.

Ich machte einen polnischen.

Das Garderoben Mädchen wünschte mir noch ne schöne Nacht, genauso wie sie es wahrscheinlich jedem wünscht und ich kämpfte mich durch das Gewimmel und spastische Gezappel der stinkenden Körper auf dem Dancefloor nach draußen. Hungrig war ich, hungrig nach sinn, hungrig nach Zuneigung, hungrig nach mehr als nur da-sein. Und ich hatte Hunger.

Der „flamethrower chicken burger“ für 10.70 $ konnte leider nur letzteres Gefühl befriedigen.

Durch die belebten Strassen, die von Miniröcken und Highheels gesäumt waren und von der Anzahl von Menschen her einem Ameisenhaufen glichen, schlich ich mich davon, Lebenslust und Frohsinn missachtend. Wie eine infizierte AIDS Zelle schlich ich mich durch die Blutbahn der Stadt, des Lebens, unerkannt von den körpereigenen Wächtern der Freude, unbeachtet von jeglichem Leben. Lächelnde Gesichter und aufmunternde Gesten missachtend, schlich ich mich durch die bewegte und doch leblos wirkende Masse nach Hause – oder an den Ort in dem ein Bett für mich steht. Wie ein krimineller der sein Geheimnis nicht preisgeben darf, schlich ich mich davon – lautlos, alleine, in mich gekehrt.

Ich liebe Kapuzen!

Meiner schizophrenen Neigung trotz Geldproblemen Taxifahrer zu belästigen widerstrebend, wartete ich ne halbe Stunde auf den Bus. Inmitten des Gewühls der Oxfordstreet verzog ich mich in meine elende Gedankenwelt und versank erneut in widerwärtigem Selbstmitleid. Ich sah ein kleines, verwelktes und angefressenes, braunes, einsames Blatt vor mir auf der Straße. Die vorüberhuschenden Partygänger nahmen keine Notiz von ihm, traten ohne es zu bemerken drauf, der Windzug der Vorbeieilenden wirbelte es in die Luft, nur um es an anderer stelle wieder fallen zu lassen. Das Blatt war, genau wie ich, verloren, abgestorben, nutzlos – und unendlich traurig. Gefesselt von diesem Trauerspiel, des Kampfes um Anerkennung, um Zuneigung, um freundschaftliche wärme und Geborgenheit, merkte ich erst spät, dass ich nicht mehr alleine saß.

Ein Mädchen hatte sich neben mich auf die stufe vorm geschlossenen Dönerladen gesetzt.

Sie war wie ich alleine, und mehr noch, genau wie ich einsam in den Massen an vorbeiwanderndend Körpern im Gedränge der Nacht.

Sie war außerdem sehr betrunken.

Wie nahezu alle Sydneanerinnen hatte sie unglaublich hohe Highheels an, schwarz mit silbernen nieten. Ihre schwarze, mit rosanem Glitzer besetzte Strumpfhose hatte Löcher an ihren pinklackierten großen Zehen. Ihr Rock bedeckte nur geradeso das nötigste, ihre Denimjacke mit Pelzkragen schien fehl am platze. Ohne sie zu kennen, ohne auch nur mit ihr reden zu möchten – ich mochte sie, schon alleine wegen ihrer traurigen Ausstrahlung und ihrer seltsamen Kleidung. Sie hörte Musik, ich hörte die Musik meiner Gedanken. Ich fragte mich, was ihr geschehen war an diesem Abend, warum sie alleine nach hause ging, ob sie auch nur wärme und Zuneigung suchte, brauchte, sich wünschte.

In Gedanken fragte ich sie all das, doch sie schwieg mich nur an.
Ich wollte nicht reden, wollte alleine sein.

Sie nahm den gleichen Bus.

Im Bus traf ich eine deutsche Austauschstudentin, die ich in der uni kennengelernt hatte.

Ich nickte ihr nur knapp zu, zwang mir ein kurzes, schmerzhaftes lächeln auf die Lippen, und freute mich auf den einsamen nach hause weg, im Dunkeln, im vergessenen. Alleine, nur in Gesellschaft meiner Gedanken.

Ohne dem seltsam traurigen Mädchen nochmals nachzusehen, stieg ich aus, bedankte mich (wie hier üblich) beim Busfahrer und lief nach hause. Dort angelangt öffnete ich unseren separaten Spirituosen Kühlschrank und fand, genauso einsam wie ich, eine ein Liter Bierflasche. Ich beschloss, ihr Gesellschaft zu leisten und mit zu mir auf die Veranda zu nehmen. Wenigstens stellt mir Bier keine bescheuerten Fragen!

Dort sitze ich nun, alleine, trinke Bier, denke über den seltsamen Abend nach, meine seltsame Traurigkeit, den Selbstzweifel, die Einsamkeit, meine Eigentümlichkeit und wunder mich, was das alles soll. Tränen zu vergeuden, für dinge die man nicht versteht, zu trauern, ohne wirklich zu wissen warum, das leben des Lebens willen zu verachten, dem spaß den Tod zu wünschen – all das kommt mir nun komisch vor.

Und doch kann ich es verstehen.

Wieder höre ich das Klackern der Hufeisen, das Schnauben der Pferde. Sie trainieren um drei Uhr morgens für einen Renntag irgendwann in der Zukunft. Laufen, jeden tag dieselbe strecke, und doch scheinen sie nicht traurig. Sie freuen sich wahrscheinlich sogar, wenn sie ihren warmen stall verlassen dürfen, von leichten Pflegern geritten werden und die kalte Nachtluft ihren Körper streicheln spüren.

Klack-klack, klack-klack.

Ein unendlich warmes, beruhigendes Geräusch. Fremd und warm und seltsam unbeschwert.

Die Trauer war noch nicht ganz verflogen, schlummerte noch in mir, jederzeit bereit, mein Leben erneut aus den Fugen zu werfen, da kam Sam zurück. Er setzte sich zu mir, erzählte, dass er ’nen depressiven Abend hatte und einfach nach Hause gegangen ist.

„Aber das macht nichts“ sagte er, „Morgen ist ein neuer Tag!“

Ja, fick dich, scheiß depri Abend!

„Morgen ist ein neuer tag!“

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10 Antworten to “Der Tag der Einsamkeit”

  1. Blömop. Says:

    😦 und doch hast du noch mitten in der nacht deine kleine Schwester angerufen um sie mit „california here we come!“ aufzuheitern.
    ich liebe dich, lieblingsbruder.

  2. Blömop. Says:

    und…alles wird gut:) „beschissen ist kacke vastehste?!“
    großer kuss.

  3. jeanne Says:

    oh bonito! não ha choradeiras nem para mim nem para ti… me gustas tu muchissimo…

  4. lotti Says:

    oui oui monsieur le houlebeq ein kultivierter weltschmerzabend wie er sich gehört!

  5. Bonny borderliner Says:

    hey duuuude! i feel the same sum times… got to find sum alter egos got tooo it’s the only fuckin‘ way. and write write the the whole world to shreads because it desrves it!

  6. Flashy Backy Says:

    reminissin you

    • pepe Says:

      ähm, schizo?
      but yeah, fuck the world. or it’ll fuck u….
      oder so ähnlich.
      je n’est sais pas (je n’ai sais pas???)
      manana manana

  7. frau Prof Dr Thiessen Says:

    Je ne sais pas Sie SPAST! =p

  8. Tatsi Says:

    Lotti spricht mir aus der Seele – Monsieur Houellebecq lässt grüßen! Aus Dir wird mal was ganz großes Pupsik!
    We muss U!

    Kuss

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