Ko(s)misch


Ich träumte von einer Wohnung, in die ich eingebrochen bin, um ganz viele seltene 10DM Münzen zu klauen, die mir aber unterwegs wieder von einer Pferdegang abgezogen wurden, genauso wie alle meine Sachen. Vollkommen nackt bin ich nach Hause gerannt und hab, dort angelangt, krampfhaft versucht, die Tür zu unserem Haus aufzuschließen, weil langsam so ein schleimiger Haufen Glibber von hinten auf mich zugeschleimt kam – doch die Tür ging nicht auf! In letzter Minute öffnete ein kleiner Zwerg mir die Tür und sagte: „Also, wenn das jetzt jedesmal so sein sollte, dann muss ich leider die Schweine aus dem Stall lassen.“ Das wollte ich natürlich nicht riskieren und habe mich entschuldigt. Als mich der seltsame Zwerg eingelassen hatte, bin ich ins Wohnzimmer gestolpert, wo zu meiner Verwunderung Dick Cheney saß.

Ich habe mich zu ihm gesetzt und gefragt: „Herr Cheney, warum haben sie der Welt soviel unrecht und leid angetan? Und, glauben sie daran, dass was sie taten richtig und notwendig war?“

Er antwortete mir mit einer erstaunlich hellen und zugleich rauen, rauchigen stakkato- Stimme: „Mein Junge, der Krieg ist das einzige was unser System überleben lässt. Wir brauchen Wachstum, um jeden Preis, deshalb zerstören wir Dinge und Menschen, um alles nachher wiederaufzubauen! Und zwar noch besser als zuvor. Fortschritt, Verbesserung ist unser Ziel – Freiheit und Demokratie unsere Saat. Gerade ihr jungen liberalen Leute solltet euch das Gesamtbild einmal anschauen: Überbevölkerung, Unterernährung, Aktiencrashs, Sozialismus – wir brauchen den Krieg, um all diese Übel zu bekämpfen. Wir zerstören das alte, und errichten das neue, nach unserem Vorbild. Oder wollt ihr etwa, dass das System zusammenbricht? Das System ist allumfassend und der Garant unseres Lebensstils. Uns geht es gut, und damit es uns weiterhin gut geht, müssen wir Leid über weit entfernte Länder bringen und die Armut und gleichzeitig den Traum vom westlichen Leben dort aufrechterhalten. Die Medien helfen uns, den üblen Gestank der verhungernden, abgeschlachteten und verwahrlosten Menschenmasse anderswo zu vergessen; Medien lenken uns ab von der blutigen Realität des Weltsystems; Medien lassen uns in eine Traumwelt einsinken, in der wir so etwas ähnliches wie Glück empfinden können. Wer will schon die Wahrheit wissen? Die Wahrheit, sobald man sie zu kennen glaubt, rinnt einem durch die Finger wie Glibber. Die die sie zu glauben kennen, sind Idioten. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur die Realität, die sich jeder von uns in seinem kleinen Kopf selbst zusammenbastelt – eine eigene kleine Welt in unseren Köpfen, erschaffen durch Sinneseindrücke, Emotionen und Glauben an dieses oder jenes. Die Welt ist viel zu depressiv, viel zu komplex, viel zu rein, um sie ungefiltert ertragen zu können; das Unrecht zu real, zu sehr Teil von uns, um es verstehen zu können. Ich habe nichts falsch gemacht, ich habe nur geholfen, UNS am Leben zu erhalten.“

Ich hätte selbst im Traum kotzen können und erwiderte:

„Aber Dick, ist unser System das richtige – und ist es überhaupt wichtig? Oder ist es nur das richtige für einen kleinen, dekandent-verlogenen Teil der Menschheit, dem sie zufälligerweise angehören? Kann etwas, und sei es ein System, unendlich wachsen? Ist ihr Fortschritt und ihre Freiheit, die sich im Grunde nur auf den „Markt“ bezieht, nicht das eigentliche Übel, das eigentliche Laster der Menschheit, wie sie heute existiert, das eigentlich zerstörenswürdige und verbesserbare. Warum verbreiten sie keine Kultur, warum lassen sie die Menschen verblöden, warum ist ihr Egoismus gesellschaftlich akzeptabel und erstrebenswert? Was ist denn gut, Dick? Dass Menschen sich mit billigen Waffen erschießen, mit Macheten die Köpfe abhacken, acht Stunden täglich im Netz oder vorm Computer hocken, die Schnauze halten, wenn imaginäre Werte verbraten werden, blind dem folgen, was ihnen von sogenannten Regierungen als richtig vorgegaukelt wird, gleichgültig jeden Tag zur Arbeit gehen um Geld zu verdienen und das Leben, das Denken vergessen? Wann ist die Moral, wann der Anstand, wann der Glaube an das Gute im Menschen gestorben, jämmerlich zugrunde gegangen, verreckt? Kapital, Besitz, Kontrolle, Haben Haben Haben … all das sind deine Götter, Dick, doch diese Götter sind nichts als bedeutungslose Götzen, nichts als schwachsinniger Schund, nichts als distraction from the circle of life, the beauty of the world, and the vanity of being. Du, Dick, als Teil der oberen Klasse, der Kontrolleure des Weltgeschehens, der eitlen Lenker, der dekadenten Manipulateure, der egoistischen Narzisten, der Marktmenschen, DU hast Verantwortung – eine Verantwortung, vor der du soviel Angst haben, die dich aufgrund ihrer Missachtung abends vor dem Badezimmerspiegel erröten lassen, die dein Dasein unerträglich machen sollte, und doch entziehst du dich deines Anteils am Wohlergehen aller, um als Wurm wiedergeboren zu werden. Degradiert in der Ewigkeit des Seins zu einem, der einmal alles hatte – bis auf Anstand, bis auf Würde! Ein Sklave der Macht, nicht mehr und nicht weniger bist du – egal wie viel du besitzt! Ein Sklave des Systems, dass nicht du kontrollierst, sondern das dich kontrolliert. Nicht UNS hast du gerette, DICH hast du bereichert und das System gestärkt. Der Zustand des „Glücks“, den die Scheinwelt der Medien deiner Meinung nach erweckt ist nichts weiteres als Ablenkung von einer größeren Realität: das Sein endlich ist, das Leben kostbar ist, das die Natur, der Mensch, das Universum unzertrennlich verknüpft und Eins sind, das der Markt, Geld, Besitz & Macht vergängliche, nutzlose und entbehrliche Konzepte beschränkter Geister sind. Selbst du, der die Wahrheit verachtet, sie verleugnet, sie zu manipulieren versucht, selbst du wirst am Ende deiner Tage das Sinnlose an deinem Handeln, die Unwichtigkeit deiner selbst, das größere Ganze verstehen lernen müssen – und du wirst erkennen, dass die Welt wie sie ist, erst durch Menschen wie deinesgleichen so depressiv, destruktiv und verkackt geworden ist. Natürlich sind auch wir, die kleinen Medienkonsumenten und emsigen Arbeitstierchen Schuld am Fortbestehen dieser Scheinwelt, die wir Leben nennen; sind auch wir gefangen, in der Welt des Habens und der Welt des Profits, des Egoismus, der Gier. Auch wir tragen als Gesamtes Verantwortung. Doch du, der glaubt zu herrschen und geherrscht zu haben, der Freiheit und Demokratie (was immer das sein soll) verbreiten möchte und doch nur eigene, niedere Interessen vertritt, auch und gerade du wirst das Sinnlose deines Tuns erkennen müssen und dir wünschen, anders gelebt zu haben. Du tust mir leid, Dick!“

Daraufhin bekam Dick einen weiteren Schlaganfall und verwandelte sich in eine Pusteblume, deren Samen ich wegblies, in die weiten der endlosen Leere des Universums. Dann flog Han Solo mit Luke Skywalker auf den Schultern an mir vorbei und rief: „Nimm dich nicht zu ernst, junger Padawan, auch dein Arsch gehört der Unendlichkeit.“

Ich wachte auf, die Sonne schien mir ins Gesicht, die Pferde vom Racecourse liefen an unserem Haus vorbei. Ich erinnerte mich an die mich verfolgende Wahrheit, vor der mich der kleine, schlechtgelaunte Zwerg namens Gewissen gerettet hatte. Erinnerte mich an meine eigene Gier und das 10DM Stück, das mich in meinem Portemonnaie begleitet, erinnerte mich daran, wie ich allen irdischen entledigt wurde, erinnerte mich an die von wichtigerem ablenkende Schweinegrippe-Panikmache und die Finanzkrise, die eigentlich eine Systemkrise ist. Ich fühlte das Leben in mir erwachen, den Traum vergehen, das Gemisch aus Stickstoff, Sauerstoff und allem möglichen anderen Zeugs meine vom Rauch vergewaltigten Lunge füllen, ich fühlte…..

Und ich hörte meinen Wecker die StarWars Melodie spielen:

„DA DA DA DEPDEDEE DEPDEDEEEE – DAA DAA DAA DEPDEDEE; DEPDEDEE“

Ich suchte nach der 10DM Münze, die nur noch einen imaginären Wert hatte, fand sie an ihrem angestammten Platz, bereitete mich auf einen üblichen Tag in der Welt der endlichen Gedanken vor, und war glücklich.

Es würde ein schöner Tag werden!

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